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Full text of "Prag als deutsche Hochschulstadt. Hrsg. vom Ortsrat Prag des deutschen Volksrates für Böhmen"

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Deutscher Volksrat für 
Böhmen. Ortsrat Prag 

Prag als detitsche Hoch- 
schulstadt 






„te&EUFSCHE 
HOCH 



1CHUL2 




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in 2011 with funding from 

University of Toronto 



http://www.archive.org/details/pragalsdeutschehOOdeut 



PRAG 

ALS DEUTSCHE 
HOCHSCHUL- 
STADT 



HERAUSGEGEBEN VOM 

ORTSRAT PRAG DES DEUTSCHEN VOLKSRATES 

FÜR BÖHMEN 



t 



1909 

: SELBSTVERLAG DES HERAUSGEBERS. : 
DRUCK VON CARL BELLMANN IN PRAG. 




LR 



Prag als deutsche Hochschulstadt. 




Erker des Carolinums. 

Vorlesungsgebäude der rechts- u. 
staatswissenschaftlichen Fakultät. 



Prag ist heute eine überwiegend tschechische 
Stadt, die Hochburg des Tschechentums. Trotz- 
dem besteht ein breites und hochentwickeltes 
deutsches Geistesleben. Als alte deutsche Wahr- 
zeichen ragen zwei Hochschulen empor: die 
älteste Universität deutscher Zunge, die 1348 
gegründete, heutige deutsche Karl Ferdinands-Uni- 
versität 1 ) und die 1805 ins Leben gerufene deutsche 
technische Hochschule. 

Prag als deutsche Hochschulstadt ist durch 
eine Verbindung zweier Eigenschaften gekenn- 
zeichnet, die sich kaum wieder antreffen lässt. 
Grossstadt und kleine Universität finden sich hier 
in seltener Vereinigung. 

Prag ist eine deutsche Grosstadt. Die Zahl 
der hier ansässigen Deutschen beträgt minde- 
stens 50.000 und macht Prag zur bei weitem 
bedeutendsten deutschen Stadt Böhmens. Ver- 
möge der besonderen sozialen Schichtung in 
Prag bilden diese 50.000 Deutschen die Ober- 
schicht einer mächtigen Grosstadt. Ihrer beruf- 
lichen Zusammensetzung nach bildet diese Ein- 
wohnerschaft einen sozialen Torso, dem der breite 
Unterbau der Arbeiterschaft fehlt. Das reiche 
deutsche Industrie- und Gewerbeleben Prags 
schliesst nach unten mit dem alten und neuen 
Mittelstande ab. Es reicht nur bis zu den Klein- 
gewerbetreibenden, kaufmännischen Angestellten, 
Handwerkern und Werkmeistern. Der allein vor- 
handene soziale Oberbau, vertreten durch den 
deutschen grundbesitzenden Adel, die Beamtenschaft 



*) Über Geschichte und Trennung der Universität vgl. S. 5. 



und das Offizierkorps, das Handels- und Industrie-Unternehmertum und 
die freien Berufe, und der eben vorgeführte Mittelbau, zu dem noch die 
staatlichen Unterbeamten hinzutreten, dürften denen einer Stadt von 
250.000 Einwohnern entsprechen. Das deutsche Geistes- und Kulturleben 
Prags ist deshalb das einer Grosstadt mit seiner lebendigen gesellschaft- 
lichen Berührung und seinen vielseitigen Äusserungserscheinungen. Hier 
findet der junge Student jene Reibung der Geister, die ein hochgespanntes 
Geistesleben, geistige Beweglichkeit und geistigen Fortschritt erzeugt. Hier 
sind all die kulturellen Anregungen und Eindrücke zu finden, die der 
empfängliche junge Geist in der seiner Bildung gewidmeten Zeit auf sich 
wirken lassen soll. 

Zu dieser geistig-kulturellen Umwelt, die allein die Grosstadt zu 
bieten vermag, gesellen sich die intim-persönlichen Bildungsbedingungen, 
die nur der kleinen Universität und Hochschule eigen sind. Nur die 
kleine Universität kennt den engen persönlichen Verkehr zwischen Lehrer 
und Schüler. Nur bei kleinerer Zuhörerschaft ist eine ungehinderte Auf- 
nahme des in Experimental-Vorlesungen und bei Vorstellungen und Demon- 
strationen Gezeigten möglich. Nur bei nicht zu starker Besetzung können 
die neben den Vorlesungen immer mehr betonten Übungen zum vollen 
Ertrag gebracht werden. Aber auch nur in einer kleinen Studentenschaft 
ist jener persönliche Zusammenschluss der einzelnen Glieder zu finden, 
der das Studium durch gegenseitige Anregung und Aneifrung belebt, der 
Freundschaften entstehen lässt, die ein Leben dauern. 

Wie es hinsichtlich all dieser einzelnen Punkte in Prag steht, werden 
die folgenden Blätter näher zeigen. Dieser erste Abschnitt schildert die 
Studiengelegenheiten für die verschiedenen Wissenschaften an den beiden 
Hochschulen. Er wendet sich an den Fach^tudierenden, der hier näheren 
Aufschluss über seine Sondergebiete findet. Der zweite Abschnitt soll ein 
Bild des deutschen Lebens in Prag entwerfen und dem hierher wandernden 
Musensohne die Gewissheit vermitteln, dass er in eine lebendige deutsche 
Gemeinschaft eintritt, dass ihn eine Umgebung von hoher geistiger und 
künstlerischer Kultur erwartet, dass er eine Stadt mit den seltensten ge- 
schichtlichen und künstlerischen Überlieferungen und Denkmälern findet. 




Rudolphinum. Gemäldesammlung und Konzerthalle. 




Ostseite des Clementinums. Vorlesungsgebäude der theologischen und philosophischen Fakultät. 



K. k. deutsche Karl Ferdinands- Universität in Prag. 



Prag ist der Sitz der ersten Universität auf dem Boden des römisch- 
deutschen Reichs; sie wurde durch Kaiser Karl IV. 1348 gegründet. Nun 
brauchte die deutsche studierende Jugend nicht mehr das Ausland, Frank- 
reich und Italien, aufzusuchen. Nach dem damaligen Gebrauche war das 
neue Prager »Generalstudium« eine Genossenschaft, eingeteilt in vier Zünfte 
(Fakultäten), auf kirchlicher Grundlage beruhend ; Kanzler war der jeweilige 
Erzbischof von Prag. Die Juristenfakultät erhielt zuerst ein eigenes Kolle- 
gienhaus (1383, dann das Rothlöwsche Haus, das jetzige Karolinum, das 
1718 umgebaut worden ist), sie sonderte sich auch sonst von den übrigen 
Fakultäten ab, dagegen gingen andere Schulen in der Universität auf, 
wie die Dominikanerschule zu St. Klemens. Gegen den grossen Auf- 
schwung, den das Deutschtum in Böhmen im 14. Jahrhundert genommen 
hatte, brach bald eine tschechische Reaktion aus, der die königlichen Räte 
zuerst 1385 nachgaben, um dann im Kuttenberger Dekrete vom 18. Januar 
1409 vollends zurückzuweichen: an Stelle der bisherigen grossen Mehr- 
heit der Deutschen in Universitätsangelegenheiten wurde künstlich eine 
eben so grosse tschechische geschaffen, eine Gewaltmassregel, die die davon 
betroffenen »deutschen Fremdlinge« zur Auswanderung zwang; die Grün- 
dung der Universität Leipzig war die Folge. Schwer geschädigt wurde 
die Prager Universität durch diesen Exodus; weitere religiöse Konflikte 



begünstigten den völligen Verfall der Schule. Auch der Humanismus 
konnte keine durchgreifende Besserung schaffen ; deshalb rief Ferdinand I. 1556 
die Jesuiten nach Prag, die das frühere Dominikanerkloster zu St. Klemens 
erhielten und hier in dem von ihnen sehr vergrösserten Gebäude (Klemen- 
tinum) eine eigene Akademie mit theologischer und philosophischer Fa- 
kultät errichteten. 

Das beginnende 17. Jahrhundert sieht ein neues Vordringen des 
tschechischen Elementes, zugleich mit dem Protestantismus. Vorübergehend 
werden die Jesuiten aus Prag vertrieben (1619, dann 1631); das Ende 
dieser Kämpfe und der damit verbundenen katholischen Reaktion bezeichnet 
aber die Vereinigung der Prager weltlichen und jesuitischen Hochschulen 
zu einer einzigen Universität (1654), die jetzt »Karolo-Ferdinandea« heisst. 
Gleichzeitig werden neue Organisationsstatute erlassen, so über einen nach 
den Fakultäten wechselnden Turnus bei der Rektorswahl. Unter Maria 
Theresia werden alle diese Bestimmungen einer gründlichen Revision unter- 
zogen, auch der Lehrbetrieb wird auf bessere Grundlage gestellt; in die 
Fakultäten werden die graduierten Doktoren und Magister einbezogen, zu 
ihrer Überwachung eigene kaiserliche Studiendirektoren bestellt (1760). 
Kaiser Josef II. vollendet 1784 diese Reformen; die deutsche Unterrichts- 
sprache wird festgesetzt, Vorlesungsverzeichnisse erscheinen. 

Das IQ. Jahrhundert bringt unserer Hochschule grosse Veränderungen. 
Schon von Anbeginn (1392) hatte sie eigene Gerichtsbarkeit, nun erhält 
sie auch politische Rechte: 1845 wird der jeweilige Rektor als gleich- 
berechtigtes Mitglied des böhmischen Landtags eingeführt. 1849 wird der 
Studienbetrieb ganz umgeändert, das Prinzip der Lehr- und Lernfreiheit 
aufgestellt, die Studiendirektoren verschwinden, die Doktoren-Fakultäten 
werden von den Professoren-Fakultäten abgetrennt. Einen abermaligen 
Umschwung bezeichnet das Jahr 1873: die Doktorenkollegien hören auf, die 
Rektorswahl wird den ordentlichen Professoren vorbehalten, die Kanzler- 
würde des Erzbischofs auf die theologische Fakultät beschränkt. Endlich 
am 28. Februar 1882 wird das Gesetz erlassen, das die Teilung der alten 
»Karolo-Ferdinandea« in eine deutsche und eine tschechische Universität 
bestimmt: es wurde damit der drohenden Gefahr vorgebeugt, dass die 
tschechische Sprache (seit 1848 gesetzlich als Vortragssprache gestattet) an 
der Prager Universität die Oberhand bekomme und die deutschen Stu- 
denten abermals als »Fremdlinge« von dieser Heimstätte alter Kultur ver- 
trieben würden. — Im Wintersemester 1908 9 hatte die Universität 1757 
Hörer, wovon 62 auf die theologische, 741 auf die rechts- und staats- 
wissenschaftliche, 346 auf die medizinische, 608 auf die philosophische 
Fakultät entfielen. Der Lehrkörper besteht gegenwartig aus 153 Dozenten. 
Davon gehören an: der theologischen Fakultät 7 ord. Prof., 1 ausserord. 
Prof., 2 Priv.-Doz. und 2 Lehramtsadjunkten; der rechts- und staatswissen- 
schaftlichen Fakultät 13 ord. Prof., 1 ausserord. Prof., 3 Priv.-Doz. und 
1 Supplent; der medizinischen Fakultät 16 ord. Prof., 18 ausserord. Prof., 
27 Priv.-Doz., der philosophischen Fakultät 29 ord. Prof., 10 ausserord. 
Prof., 15 Priv.-Doz., 1 Supplent, 7 Lektoren. 

Die theologische Fahultät. Das deutsche Volk in Böhmen ruft 
gegenwärtig in dem schweren nationalen Kampfe einmütig und energisch 
nach deutschen Beamten und deutschen Priestern. Namentlich besteht 
in Böhmen ein empfindlicher Mangel an deutschen Priestern, wodurch 



ganz deutsche Klöster in Prag, welche die schönsten Pfarreien in Deutsch- 
söhmen besitzen, fast ganz tschechisiert wurden, so dass sie für ihre deut- 
bchen Stationen nur tschechische Kandidaten ernennen können. Ebenso 
fehlt es an Kandidaten des Weltklerus für viele deutsche Städte und Dörfer. 
Der Vorwurf, dass man keine deutschen Bewerber aufnimmt, ist nicht ganz 
berechtigt, da sich wirklich keine Deutschen gemeldet haben. Doch hat 
gerade dieser grosse Mangel an deutschen Geistlichen einen Vorteil für 
unsere Studierenden. Zwar darf die Frage, wo werde ich am ehesten eine 
Anstellung finden, bei der Wahl des Berufes nicht entscheidend sein. 
Allein, wenn jemand nach reiflicher Prüfung die Theologie als Lebens- 
beruf gewählt hat, dann ist die Frage wohl berechtigt: wo werde ich am 
nötigsten gebraucht, wo erreiche ich mein Ziel am ehesten und am 
besten? Und da darf es für einen deutschen Abiturienten in Böhmen 
keine andere Antwort geben, als: gehe an die deutsche Universität in 
Prag! Hier findet der Studierende eine glänzende Pflanzstätte der theolo- 
gischen Wissenschaft. Die Professoren der Fakultät sind durchwegs deutsche 
Gelehrte, zum Teile aus Deutschland berufen, deutsche Männer, die sich 
selbstverständlich der Jungmannschaft warm annehmen und für die wissen- 
schaftliche Ausbildung das Beste leisten. Die Fakultät steht gerade jetzt 
auf einer besonderen Höhe, da auch die neuesten Disziplinen, für welche 
nur an wenigen Universitäten vorgesorgt ist, vertreten sind, z. B. 
Assyriologie, worüber ein eigener Dozent für semitische Dialekte Vorträge 
hält. Neu sind auch die wissenschaftlichen Seminare für altes und neues 
Testament, für Kirchengeschichte und philosophisch-theologische Propä- 
deutik. Für die Kandidaten des theologischen Doktorates ist 
besonders gut gesorgt, da der Professor für alttestamentliches Bibelstudium 
neben Hebräisch auch Vorlesungen über Arabisch, Aramäisch, Syrisch und 
Äthiopisch zu halten pflegt. 

Für mittellose Hörer gibt es Freiplätze im Seminare, wo man 
unentgeltlich eine sehr gute, vollständige Verpflegung erhält. Hier herrscht 
eine nützliche Hausordnung, indem Arbeit und Erholung zweckmässig ver- 
teilt sind; auch für Unterhaltung ist gesorgt, denn die Hörer haben hier 
einen Gesangverein, ein Rauchzimmer, einen Turnverein etc. Selbst für Aus- 
länder gibt es mehrere Stiftungen im Seminar, z. B. für die Hannoveraner 
und die aus der Grafschaft Glatz. Für besonders talentierte Kandidaten 
bestehen zwei systemisierte Adjunkten-Stellen zur Erwerbung des 
theologischen Doktorates, eventuell zur Vorbereitung für das akademische 
Lehramt. 

Die Rechts- und staatswissenschaftliche FaKultät. Wie an 
den übrigen Universitäten Österreichs ist die juristische Fakultät eine 
rechts- und staatswissenschaftliche. Dem entspricht die Studienordnung, 
welche ausser juristischen auch staatswissenschaftliche Disziplinen wie 
Staats- und Verwaltungsrecht, Volkswirtschaftslehre und Finanzwissen- 
schaft umfasst, und ebenso das Prüfungswesen, insoferne die Quali- 
fikation für den öffentlichen Dienst durch drei Staatsprüfungen er- 
worben werden muss, deren eine als staatswissenschaftliche zur rechts- 
historischen und judiziellen hinzutritt. Ebenso erfordert die Erwerbung des 
Doktorates der Rechte — neben dem es ein selbständiges Doktorat der 
Staatswissenschaften noch nicht gibt — die Ablegung theoretischer Prüfungen 
(Rigorosen) aus den beiden bezeichneten Fachgruppen. 



Die juristische Studiendauer beträgt 8 Semester. Diese werden 
durch die rechtshistorische Staatsprüfung als Zwischenprüfung in zwei Ab- 
schnitte zerlegt und zwar derart, dass der Zwischenprüfung 4 oder mindestens 
3 Semester vorausgehen müssen, 4 oder 5 Semester folgen. Jene sind dem 
rechtsgeschichtlichen Studium mit Einschluss des Kirchenrechts gewidmet, 
diese dem Studium des geltenden Rechtes und der Staatswissenschaften. 
Dabei werden die historischen Fächer in einem Ausmasse gelesen, dass sie 
auch von auswärtigen Hörern, die sich zwar nicht dem Studium des öster- 
reichischen Rechtes zu unterziehen, wohl aber die auch im Auslande er- 
forderte Vorbildung in der römischen und deutschen Rechtsgeschichte zu 
erwerben wünschen, mit Erfolg gehört werden können; insbesondere werden 
Kollegien abgehalten, welche den in Deutschland üblichen Vorlesungen 
über System des römischen Rechts, deutsche Rechtsgeschichte und Grund- 
züge des deutschen Privatrechts entsprechen. Ebenso kommen zum Teil 
staatswissenschaftliche Vorlesungen für Ausländer unmittelbar in Betracht. 
Eine Eigenart des juristischen Studienbetriebes ist die Verbindung von Ver- 
waltungsrecht und Verwaltungslehre. 

Das Schwergewicht liegt auf den theoretischen Vorlesungen. Diesen 
schliessen sich aber mit immer steigender Bedeutung seminaristische 
Übungen an, deren Besuch die Unterrichtsbehörde als für die 
theoretische wie praktische Ausbildung gleich wertvoll wünscht und empfiehlt. 
Sie werden im rechtswissenschaftlichen Seminar, bezw. dem staatswissen- 
schaftlichen Institut abgehalten, die mit eigenen Arbeitsräumen und selb- 
ständigen Bibliotheken ausgestattet sind. Besonders ausgestaltet ist das 
staatswissenschaftliche Institut; es enthält gewählte Spezial- 
bibliotheken für Völkerrecht, Staats- und Verwaltungsrecht, Volkswirtschafts- 
lehre, Finanzwissenschaft und Statistik. Das rechtswissenschaftliche 
Seminar soll rechtsgeschichtlichen, zivilistischen, strafrechtlichen und 
prozessrechtlichen Studien dienen. Für jede dieser Gruppen ist ein Grund- 
stock von Quellenwerken und Literatur vorhanden. Den Vorlesungen über 
Bergrecht dient eine eigene Lehrmittelsam ml ung. Durch die Aus- 
schreibung von Preisen, die jüngst namhaft erhöht wurden, soll 
den Hörern die Anregung zu wissenschaftlichen Arbeiten gegeben werden ; 
die Fach professoren erteilen hiezu die Anleitung und stellen die Behelfe 
aus den Seminarbibliotheken zur Verfügung. Um den Blick der Hörer für 
die praktischen Verhältnisse zu schärfen, werden alljährlich im Sommer- 
semester Exkursionen zur Besichtigung von Bergbau- und Industrie- 
unternehmungen und zum Studium ihrer sozialen Einrichtungen unternommen. 

Für ;die Juristen haben die Grossuniversitäten die Versuchung mit 
sich gebracht, ihre Studien nach einem kärglichen Prüfungserfolg ein- 
zurichten, sie in rein äusserer Verbindung mit der Universität unwissen- 
schaftlich zu betreiben. Diese Gefahren lassen sich in Prag umso eher ver- 
meiden, als hier der einzelne nicht das Gefühl hat, in der Masse zu ver- 
schwinden , er kann darauf rechnen, beachtet zu werden und den richtigen 
Weg für sein Studium, vielleicht auch für die Berufswahl zu finden. Nicht 
zuletzt eröffnet sich auch denen, die öffentliche Ämter im österreichischen 
Staate anstreben, gerade in Prag das Verständnis für bestimmte staats- 
politische Probleme, ohne deren Kenntnis eine gedeihliche öffentliche Ver- 
waltung nicht zu denken ist. 

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Die Volkswirtschaftslehre und Statistik sind, wie an allen 
österreichischen Universitäten, der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakul- 
tät angegliedert. Da die Volkswirtschaftslehre und die Finanzwissenschaft 
eine bestimmte Stellung in der Studienordnung der Rechtshörer haben 
und auch Prüfungsgegenstände bei der staatswissenschaftlichen Staats- 
prüfung Und dem polititischen Rigorosum der Juristen sind, so ergibt sich 
daraus eine gewisse Anpassung an den juristischen Studienbetrieb und an 
die Bedürfnisse der Juristen. Eine Beeinträchtigung für Fach-National- 
ökonomen und Statistiker erwächst daraus aber nicht. Die beiden Fächer 
sind, ebenso wie in Wien, mit drei Ordinarien besetzt. In Deutschland ist 
das nur in Berlin, München und Leipzig der Fall, während dort Univer- 
sitäten von der Hörerschaft Prags regelmässig nur ein Ordinariat für Volks- 
wirtschaftslehre und überhaupt keine besondere Lehrkanzel für Statistik haben. 
Die grossen Vorlesungen über allgemeine Volkswirtschaftslehre, spezielle Volks- 
wirtschaftslehre und Finanzwissenschaft werden fünfstündig gelesen, während 
ihnen in Deutschland nur 4 Stunden gewidmet sind. Die Verbindung mit der 
rechtswissenschaftlichen Fakultät hat dazu geführt, dass besondere Vorlesun- 
gen über Agrar-, Gewerbe- und Finanzrecht gehalten werden, die eine eigene 
Pflege dieser wichtigen Gegenstände bedeuten und eine willkommene Ent- 
lastung der volkswirtschaftlichen Vorlesungen hiervon und eine Konzen- 
tration auf die speziell volkswirtschaftlichen Probleme ermöglichen. Im 
staatswissenschaftlichen Institut werden nationalökonomische Übungen be- 
sonders gepflegt und in jedem Semester abgehalten ; vorgeschrittene Studie- 
rende finden hier Anregung zu selbständigen Arbeiten unter fortgesetzter 
Teilnahme ihrer Lehrer. Die äussern Anregungen sind für den National- 
ökonomen besonders reich. Das Nebeneinander der beiden Nationalitäten 
in der Stadt und im Lande ist ein günstiger Boden für soziologische und 
andere Studien. Prag besitzt eine entwickelte Industrie, und Böhmen ge- 
stattet einen in landwirtschaftlicher und industrieller Hinsicht gleich reichen 
Anschauungsunterricht. Durch Ausflüge und Besichtigungen werden diese 
Möglichkeiten gepflegt. Ein von der Handels- und Gewerbekammer ver- 
waltetes technologisches Gewerbemuseum bietet eine ähnlich nur noch in 
München und Wien vorhandene Gelegenheit zu gewerbetechnischer Ein- 
führung. An der benachbarten technischen Hochschule können Vor- 
lesungen und Übungen über Versicherungsmathematik, über Technologie 
und Handelswissenschaften besucht werden. Leider fehlt noch die Möglich- 
keit, das volkswirtschaftliche Fachstudium durch ein besonderes Doktorat 
abzuschliessen. Die Fakultät hat jedoch die Einführung eines solchen beim 
Ministerium beantragt. 

Die medizinische Fakultät. Die Verbindung von Grosstadt und 
kleiner Universität kommt wohl keiner Fakultät so zugute wie der medi- 
zinischen. Nur eine Grosstadt bietet die Fülle des Materials auf den 
stationären und poliklinischen Instituten, das für einen ausgiebigen An- 
schauungsunterricht, für eine Vorführung der Vielheit der Erscheinungen 
nötig ist, nur eine kleine Studentenzahl ermöglicht dem einzelnen, an das 
Material wirklich heranzukommen und alles Gezeigte wirklich zu sehen 
und aufzunehmen. Wie anders liegen z. B. die Bedingungen in einer Augen- 
klinik, wenn einige Hundert oder nur 20— 30 Studierende das Operationsfeld 
zu sehen wünschen. 




Physiologisches Institut. 

Die Institute sind zum grossen Teil allerkürzesten Datums (Physio- 
logisches und Hygienisches Institut, Landesfindelanstalt), die meisten voll- 
kommen modern eingerichtet. Sie verfügen über zahlreiche Arbeitsräume. Jedem 
Studierenden ist es möglich, in diesen Instituten neben den vorgeschriebenen 
theoretischen Vorlesungen sich an praktischen Übungen für Anfänger zu 
beteiligen, oder auch selbständig unter Anleitung der Assistenten und 
Kontrolle der Professoren wissenschaftlichen Studien zu obliegen. Das 
Arbeiten ist unabhängig von einem besonders zu entrichtenden Pauschale etc., 
sondern wird als „Vorlesung" geführt, und demgemäss ist nur das Kol- 
legiengeld zu entrichten. 

Die einzelnen Sondergebiete und Institute finden nachstehend eine 
kurze Würdigung. Nur einige wenige seien hier kurz vorweg angeführt, 
die der Prager Universität andern Städten gegenüber ein besonderes Ge- 
präge verleihen. Als wertvoll sei ein eigenes medizinisch-chemisches 
Institut sowie ein solches für experimentelle Pathologie her- 
vorgehoben. In letzterem ist dem Studierenden die Möglichkeit geboten, 
im Tierexperiment pathologische Erscheinungen zu studieren. Eine propä- 
deutische Klinik tritt hinzu, an der dem jungen Mediziner Gelegenheit 
geboten ist, sich mit den Untersuchungsmethoden vertraut zu machen und 
die Erkennung der Krankheitssymptome- insbesondere pathologische Erschei- 
nungen der Auskultation und Perkussion sich zu eigen zu machen. Zu den bei- 
den anatomischen Instituten für normale und pathologische Anatomie gesellt 
sich ein eigenes Institut für Histologie, in dem in systematischen prak- 
tischen Kursen, verbunden mit theoretischen Vorlesungen, der Mediziner 
das nötige Wissen über die mikroskopische Anatomie erlangen kann. — 
Das physiologische Institut wird durch das einzig in seiner Art dastehende, 
unten näher beschriebene Laboratorium für allgemeine und ver- 
gleichende Physiologie ergänzt. 

Bietet das rein theoretische Studium Vorteile und Annehmlichkeiten, 
so gilt dasselbe von den Kliniken. Bei einem Stand von rund 1000 
Patienten wird in den Vorlesungen alles Wissenswerte und praktisch 



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Wichtige vorgebracht. Die Möglichkeit des Praktizierens ist im weitesten 
Ausmasse gegeben. Nicht nur, dass während der Vorlesung ein Student 
an das Krankenbett gerufen wird. Die Studierenden können schon vom 
I. klinischen Semester ab an den Kliniken (in erster Linie an den medi- 
zinischen) tätig sein. Sie sind dann verpflichtet, der Morgen- und Nach- 
mittagsvisite beizuwohnen, und können dabei die weitere Entwicklung und 
den weiteren Verlauf der Krankheiten studieren. Nebenher werden sie in 
den Laboratorien mit den gewöhnlichen Untersuchungsmethoden vertraut 
gemacht. Dass alle Kliniken mit den entsprechenden Laboratorien aus- 
gerüstet sind, in welchen chemische, bakteriologische, röntgenologische etc. 
wissenschaftliche Arbeiten unter der entsprechenden Anleitung ausgeführt 
werden können, braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden. — 
Während auf den Kliniken diese Art des Praktizierens durch das Semester 
ununterbrochen durchgeführt wird, besteht an der geburtshilflichen Klinik 
der etwas andere Modus, dass je eine Gruppe von 5 — 6 Studenten für je 
eine Woche zu praktizieren haben und für diesen Zweck in einem eigenen 
Saale untergebracht werden. Hier werden sie dann von jeder Geburt und 
von jedem geburtshilflichen Eingriff verständigt, dem beizuwohnen und 
über welchen später zu referieren als Bedingung gesetzt ist. 

Neben den Kliniken bieten dem Studierenden der Medizin die für 
alle Gebiete bestehenden Polikliniken eine vorzügliche Gelegenheit, 
an leichteren, ambulatorisch zu behandelnden Krankheitsfällen reiche Er- 
fahrung zu sammeln und leichtere Eingriffe unter Aufsicht der Leiter 
vorzunehmen. 

Das anatomische Institut, das seit langer Zeit hervorragende 
Anatomen, wie Hyrtl, Bochdalek, Henke, Toldt, Aeby und Rabl 
an seiner Spitze gesehen hat, zeichnet sich vor allem durch eine selten 
wertvolle Sammlung aus. Unter anderen Seltenheiten birgt diese das Ori- 
ginal jenes von Goethe untersuchten Schädels mit bisher einzig daste- 
hender Knochenwucherung, dessen Abguss sich in Goethes Schädelsamm- 



Finsenapparat im 
Lichtinstitut. 




Dermatologische 
Klinik. 



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lung im Weimarer Goethehaus befindet. Das Prager anatomische Museum 
enthält auch u. a. die berühmte Sammlung der von Prof. II g aufgemeis- 
selten Gehörorgane, eine an Vollständigkeit unerreichte Serie von Präpa- 
raten des Tränenapparates, die von der Hand des ersten Ophthalmologen 
Ritter v. Has ner stammt, eine sehr vollständige Reihe von Kinderschädeln 
jedes Alters und eine reiche vergleichend-anatomische Präparatensammlung 
neben den für den menschlich-anatomischen Unterricht dienenden Präpa- 
raten. — Die Zahl der jährlichen Sektionen beträgt etwa 100. 

Histologisches Institut. Durch die Abtrennung von der Ana- 
tomie ist dem Betriebe der Histologie ein grösserer und freierer Spiel- 
raum gewährt. Das Institut ist entsprechend eingerichtet. Besondere Auf- 
merksamkeit wird der Ausbildung der Studierenden in der mikroskopischen 
Technik gewidmet, um sie mit der nötigen Fertigkeit für die Durchführung 
eigener Untersuchungen auszustatten. 

Das pathologisch-anatomische Institut liegt in unmittel- 
barer Nachbarschaft des k. k. allg. Krankenhauses und der Kliniken, sowie 
des anatomischen, des histologischen und des exper.-pathologischen Institutes. 
Die Zahl der Sektionen beträgt jährlich ungefähr neunhundert. Das Institut 
verfügt über ein grosses pathologisch-anatomisches Museum mit einer beson- 
ders reichhaltigen Sammlung von Missbildungen und Skeletten (ca. 5800 N.). 
Die Bücherei zählt ca. 6000 Bände mit grossen Serien der älteren periodi- 
schen Literatur. Bei den Übungen in der patholog. Histologie und den 
Elementen der med. Bakteriologie werden jedem Teilnehmer ca. 90 histol. 
Präparate für eine kleine Schulsammlung zum Fertigmachen übergeben. 
Arbeitsplätze für Vorgeschrittene stehen auf ganze und halbe Tage zur 
Verfügung. 

Die Lehrkanzel für Physiologie ist mit ihrem mustergiltigen Hör- 
saal und mit ihren dem Unterrichte und der Forschung dienenden Labo- 
ratorien seit dem Jahre 1905 in einem zweckentsprechenden und was Licht, 
Luft und Raum anlangt, freigebig bemessenen Neubaue untergebracht. In 
jeder Beziehung aber vollkommen und von ganz hervorragender Mannig- 
faltigkeit ist — von der Amtszeit des berühmten Physiologen und physiolo- 
gischen Optikers Ewald Hering her — die physiologisch-optische Lehr- 
mittelsammlung. Die obligaten physiologischen Übungen der Studenten 
werden an einer grösseren Anzahl von Fensterplätzen mit ausgezeichneten 
Lichtverhältnissen abgehalten. 

Das Laboratorium für allgemeine und vergleichende 
Physiologie ist die erste und bisher die einzige Anstalt in Österreich 
und Deutschland, welche speziell für den Unterricht und die Pflege dieser 
neuen Zweige der biologischen Wissenschaften errichtet wurde. Während 
die »Physiologie des Menschen« vorwiegend Organphysiologie ist d. h. 
die Aufgabe hat, durch genaue Erkenntnis der normalen Organfunktionen 
das Verständnis für die Funktionstörungen des erkrankten Körpers vorzu- 
bereiten und diesen medizinischen Bedürfnissen entsprechend hauptsächlich 
den Menschen und die Säuger berücksichtigt — befasst sich die allgemeine 
und vergleichende Physiologie mit den fundamentalen, allen Organismen 
gemeinsamen Lebensvorgängen und bietet daher nicht allein den Medizi- 
nern, sondern besonders den Naturhistorikern eine überaus wichtige, bisher 
entbehrte allgemein -physiologische Vorbildung, einen Einblick in die 
allgemeinen Lebenseigenschaften der Zellen. Das Laboratorium besitzt ein 

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komplett adjustiertes Seewasser-Aquarium mit Durch lüftungs- Einrichtun- 
gen, um Meerestiere am Leben zu erhalten und auf diese Art den Studierenden 
die Möglichkeit zu geben, die Meeresfauna in ihren prächtigen Formen 
und interessanten Reaktionen durch unmittelbare Beobachtung kennen zu 
lernen. 

Dass die Universität über ein eigenes medizinisch-chemisches 
Institut verfügt, ist vorn schon hervorgehoben. Die Anfänger zahlen einen 
Reagentienbeitrag von 10 K per Semester, das Arbeiten der Vorgeschrittenen 
ist unentgeltlich. 

Auch auf das Institut für allgemeine und experimentelle 
Pathologie ist vorn schon hingewiesen. 

Über gerichtliche Medizin werden getrennte Kollegien für 
Mediziner und Juristen abgehalten. 

Die Lehrkanzel für experimentelle Pharmakologie ist selbst- 
verständlich mit einem eigenen Institut verbunden. 

An der Universität besteht auch ein tierärztliches Institut. Es 
verfügt über Laboratorien und Stallungen für grosse und kleine Haustiere. 
An die Stallungen ist ein Operationslokal für grosse Haustiere angebaut 
mit dem für Österreich ersten und einzigen Operationstisch für grosse 
Haustiere. Das Institut pflegt vornehmlich die vergleichende Neurologie, 
doch werden auch die andern Zweige der vergleichenden Pathologie und 
Morphologie nicht vernachlässigt. 

Die erste medizinische Klinik hat ein Material von ca. 2500 
stationären und 12.000 ambulatorischen Kranken. Der grosse Hörsaal ver- 
fügt über einen Röntgenschaukasten und enthält eine Sammlung von Dauer- 
präparaten der pathogenen Bakterien nebst Diagrammen u. s. w. Ein 
zweiter, ganz moderner Röntgenap parat für Moment- und Teleaufnahmen 
befindet sich in einem anderen grossen Zimmer. Ausserdem besitzt die 
Klinik fünf grosse Laboratoriumsräume mit Arbeitsplätzen für: 1. chemische 
Untersuchungen, 2. mikroskopische Untersuchungen (auch Mikrophoto- 
graphie) und Dunkelkammer für Photographie, 3. Tierversuche, 4. ein 
grosses bakteriologisches Laboratorium mit allen Behelfen. Die Klinik hat 
ferner eine reichliche Handbibliothek und ein grosses Archiv. Zu be- 
stimmten Zeiten des Jahres ist der Klinik auch die Abteilung für akute, 
ansteckende Infektionskrankheiten (akute Exantheme u. dergl.) angegliedert. 

Die zweite medizinische Klinik umfasst einen Krankenbelag 
von 80 Betten in 13 Zimmern, sowie eine Reihe von Räumen, die wissen- 
schaftlichen Zwecken dienen. Ein Isolierzimmer ist mit blauen Fenster- 
scheiben und blauen Lampenkugeln versehen, und dient zur Blaulicht- 
behandlung, während ein zweites Zimmer analog eingerichtet nur rotes 
Licht einlässt. Die Klinik verfügt über ein chemisches, ein bakteriologi- 
sches, ein laryngoskopisches Laboratorium, einen für Röntgentherapie und 
-Diagnose sowie für Elektrotherapie bestimmten Raum, und ferner über ein 
Arbeitszimmer für Anfänger und ein für alltägliche chemische, mikrosko- 
pische und bakteriologische Untersuchungen dienendes Laboratorium. 
Weiterhin besitzt die Klinik eine Bibliothek, die neben modernen auch 
wertvolle ältere medizinische Werke enthält. Des ferneren hat die Klinik 
eine Sammlung makroskopischer und mikroskopischer, sowohl bakteriolo- 
gischer als auch histologischer und hämatologischer Präparate. Mit der 
Klinik ist eine in zwei Räumen untergebrachte Ambulanz verbunden. 

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Die chirurgische Klinik verfügt über ein umfangreiches und 
in jeder Beziehung lehrreiches Krankenmaterial. Bei einem Belegraum von 
108 Betten kommen an der Klinik jährlich durchschnittlich 2000 stationäre 
Kranke in Behandlung, an welchen durchschnittlich etwa 1000 grosse Ope- 
rationen ausgeführt werden. Die Ambulanz der Klinik weist eine Frequenz 
von rund 12.000 Patienten im Jahr auf. Das Krankenmaterial ist gewählt; 
namentlich reichhaltig ist das Verletzungsmaterial. So beträgt die Anzahl 
der an der Klinik behandelten Frakturen über 200, abgesehen von den 
zahlreichen ambulatorisch behandelten Frakturen der oberen Extremität. 
Aus der grossen Anzahl der ambulatorisch behandelten Patienten ergibt sich 
ein reichhaltiges Krankenmaterial für Unterrichtszwecke auf dem Gebiete 
der sog. kleinen Chirurgie, der Chirurgie der entzündlichen Erkrankungen 
und Verletzungen. An sonstigen Lehrbehelfen sei erwähnt eine reichhal- 
tige Bibliothek, eine interessante Sammlung von Gallen- und Blasensteinen, 
von pathol.-anatomischen Präparaten, von Licht- und Röntgenbildern, ortho- 
pädischen Apparaten und Gypsabgüssen. Angegliedert ist der chirurgischen 
Klinik ein Operationsinstitut für junge Ärzte, in dem jährlich 
10 Operationszöglinge ihre Ausbildung erhalten. 

Die Augenklinik hat einen Belegraum von 120 Betten, ist in 
einem 1902 eröffneten Pavillon- Neubau untergebracht und mit den mo- 
dernsten klinischen Einrichtungen versehen. Zwei Operationssäle (ein septischer 
und aseptischer) sind vorhanden. Im Jahre 1908 fanden 1165 grössere 
Augenoperationen und über 500 kleinere statt. Die Ambulanz umfasst 
8000 neueingereihte Kranke. Das Institut verfügt über ein grosses, modern 
eingerichtetes Laboratorium für anatomische, histologische und experimen- 
telle Untersuchungen, sowie über ein bakteriologisches und photographi- 
sches Laboratorium (für Mikrophotographie, stereoskopische Photographie). 

Die geburtshülfliche und gynäkologische Klinik sind 
in zwei getrennten Gebäuden untergebracht; erstere in der Landesgebär- 
anstalt, letztere im allgemeinen Krankenhause. Die geburtshülfliche 
Klinik umfasst einen sogen, grossen und einen sogen, kleinen 
Kreissaal. Die Zahl der jährlichen Geburten beträgt ca. 850. Im Kalender- 
jahre 1908 wurden 8 Kaiserschnitte, 6 Pubiotomien etc. vorgenommen 
Die gynäkologische Klinik befindet sich im 1901 eröffneten Kaiser 
Franz Josefs-Pavillon. Zur Klinik gehört auch ein Ambulatorium (Poli- 
klinik). Klinik und Abteilung zusammen besitzen 68 Betten. Ausser- 
dem besitzt die Klinik ein histologisches und bakteriologisches La- 
boratorium. Bezüglich des Krankenmaterials sei erwähnt, dass im Kalender- 
jahre 1908 an der gynäkologischen Klinik Laparotomien 251, vaginale 
Operationen (Totalexstirpationen, Myomoperationen, Plastiken) 110, von 
anderweitigen Eingriffen (Abortausräumungen, Exkochleationen bei Kollum- 
karzinomen, Ablatio mucosae, Inzisionen bei Beckeneiterungen u. s. w.) über 
500 vorgenommen wurden. 

Der Unterricht in der Dermatologie und Syphilis stützt sich 
fast ausschliesslich auf das Krankenmaterial. Es beruht in einem liegenden 
Material von 115—122 Kranken mit einer Auf nah meziffer von über 6000 
im Jahr. Ferner in einem Ambulatorium von fast 8000 Kranken, welche 
insgesamt dem Unterricht zugute kommen können, insoferne die Ordination 
für dieselben der Vorlesung vorausgeht. Verglichen mit den Wiener 
Kliniken zeigt sich sowohl in Bezug auf das liegende wie auf das ambulante 

14 



Material ein zumindest gleich günstiges Verhältnis, wobei sich für die 
hiesige Lehrkanzel noch der Vorteil ergibt, dass hierorts die ganze Doktrin 
an einer Klinik gelehrt wird, während in Wien sich das Material und zum 
Teil auch der Unterricht in die dermatologische und syphilidologische 
Klinik teilt, so dass der Studierende zur Beherrschung des Gegenstandes 
beide Kliniken zu belegen gezwungen ist. Der Klinik ist als der einzigen 
in Österreich ein vollständiges Lichtinstitut angegliedert. 

Die oto-rhinologische Klinik ist begründet von Hofrat Prof. 
Dr. Zaufal, der durch seine grundlegenden Arbeiten auf dem Gebiete der 
Chirurgie und Bakteriologie des Ohres, sowie in der Rhinologie hervor- 
ragenden Anteil an der Entwicklung dieser Disziplinen in den letzten Jahr- 
zehnten genommen und so einen Weltruf erlangt hat. Die Klinik verfügt 
über 21 Betten und hat eine Ambulantenzahl von ca. 5000 Kranken im Jahre. 

Das Poliklinische Institut umfasst: 

1) die Abteilung für interne Medizin : Jährlicher Krankenzuwachs 4000 — 5000 
Fälle ; 

2) für Chirurgie. Jährlicher Krankenzuwachs 1500—2000 Fälle; 

3) für Augenheilkunde: Zuwachs 3000 — 4000 Fälle; 

4) Abteilung für Frauenkrankheiten: 400—500 Fälle; 

5) Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten: Zuwachs 1200 — 1500 
Fälle pro Jahr; 

6) Abteilung für Erkrankungen der Säuglinge: 1000 — 1200 Fälle im Jahr. 

Kranke, welche das Bett hüten müssen, werden vom Institute in Haus- 
behandlung übernommen. Die Hörer können den Vorstand bei den Haus- 
visiten begleiten und haben so Gelegenheit, den ganzen Verlauf jedes 
einzelnen Falles vollständig zu verfolgen. 

Die Kinderklinik der k. k. deutschen Universität in der 
Landesfindelanstalt und die mit ihr verbundene deutsche Ab- 
teilung der Findelanstalt sind in einem modern eingerichteten Gebäude 
untergebracht. Ausser den für 150 Doppelbetten eingerichteten Kranken- 
zimmern dienen dem Unterrichte und der wissenschaftlichen Arbeit ein 
chemisches und ein bakteriologisches Laboratorium und ein Bibliothek- 
zimmer. Mit der Klinik ist ein Ambulatorium verbunden, in dem kranke 
Kinder poliklinisch behandelt werden. Das stationäre Krankenmaterial ist 
das der deutschen Abteilung der Findelanstalt. Es beträgt etwa 1200 
Kinder im Jahre, der durchschnittliche Tagesstand etwa 100. Da dieses 
Krankenmaterial derzeit ausschliesslich aus Säuglingen besteht, so bildet 
das Ambulatorium, in dem Kinder jeglichen Alters behandelt werden, eine 
wesentliche Ergänzung für den Unterricht in Kinderkrankheiten. 

Das Kaiser Franz Josef -Ki nderspital enthält 100 Betten; in 
diesem Spital ist die Kinderklinik untergebracht. Ausser der Klinik mit 20 Betten 
besteht eine chirurgische Station, drei Infektionsabteilungen, und zwar je 
eine für Diphtherie, Scharlach und Masern, eine Säuglingsabteilung, ein 
bakteriologisches Kabinet, eine Bibliothek, ein Seziersaal mit Prosektur und 
eine Sammlung von patholog.-anatomischen Präparaten. Die Zahl der in 
der Anstalt verpflegten Kinder betrug in den letzten 3 Jahren 1000 bis 
1100, die der ambulant behandelten Patienten 9000 bis 10 000. 

15 



Die psychiatrische Klinik ist mit einer Ambulanz für 
Nervenkranke verbunden. Ein Laboratorium gibt Gelegenheit zu Studien, 
insbesondere in der pathologischen Histologie des Nervensystems. 

Das zahnärztliche Institut ist auf das modernste eingerichtet. 
Es umfasst einen Plombiersaal mit 7 Stühlen, einen Operationssaal, ein 
technisches Arbeitszimmer mit 3 Stühlen und ein technisches Laboratorium. 

Das Laryngologische Institut ist mit den notwendigen Be- 
helfen zur Untersuchung, Behandlung und Operation der Nasen-, Rachen-, 
Kehlkopf-, Luftröhren- und Speiseröhrenerkrankungen ausgestattet. 

Die philosophische FaKultät. In den naturwissenschaft- 
lichen Disziplinen der philosophischen Fakultät liegt das Schwergewicht 
auf den Arbeiten und Übungen in den Laboratorien und Instituten. Es ist 
daher sehr günstig, dass sie meist in verhältnismässig neuen Gebäuden 
untergebracht sind, deren räumliche Nähe den Studierenden sehr zugute 
kommt. Es darf darauf hingewiesen werden, dass die Einrichtungen modernen 
Ansprüchen genügen, dass Arbeitsplätze in hinreichender Zahl zur Verfügung 
stehen, und dass sich die Frequenz in Grenzen bewegt, die es dem Lehrer 
möglich machen, sich mit jedem der Praktikanten persönlich zu befassen 
und ihn seinen Neigungen und Fähigkeiten entsprechend zu fördern, wobei 
Assistenten und Adjunkten den Professoren hilfreich zur Seite stehen. 
Auch in der humanistischen Gruppe der philosophischen Fakultät 
wird gegenwärtig ein grosses Gewicht auf die Seminarübungen gelegt, 
die sich der nicht allzu grossen Besucherzahl entsprechend besonders er- 
giebig gestalten und nach einzelnen Gruppen von Hörern abgestuft sind. 
Anfänger können weit mehr Berücksichtigung finden als z. B. in Wien. 
Alle Seminare besitzen zweckentsprechende Büchereien, die meisten eigene 
Übungsräume. Allen Seminaren stehen mehrere Stipendien für besonders 
gute Arbeiten zur Verfügung; an einigen bestehen Bibliothekar- oder 
Assistentenstellen, die begabten Studenten erreichbar sind. 

Das Fach der Philosophie ist durch 5 Dozenten vertreten. 
2 ordentliche Professoren und 3 Privatdozenten halten Vorlesungen 
über die verschiedenen Disziplinen, und zwar so, dass sie sich möglichst 
ergänzen. Den Vorlesungen über Sinnespsychologie dient eine Sammlung 
von Apparaten, insbesondere zu Demonstrationen auf optischem und 
akustischem Gebiete. Weiter wird der philosophische Unterricht unter- 
stützt durch Seminarübungen, die in 2 Sektionen abgehalten werden, 
wovon die eine dem Vortrag und der Kritik selbständiger Arbeiten der 
Seminarmitglieder, die andere der gemeinsamen Lektüre und Besprechung 
philosophischer Schriftsteller gewidmet ist. Den Zwecken des Seminars 
dient auch eine Bibliothek ausgewählter Werke historischen und systematischen 
Inhalts. 

Dem mathematischen Unterricht widmen sich drei Dozenten, 
ein Ordinarius, ein Extraordinarius und ein Privatdozent. Die Vorlesungen 
bringen in einem vierjährigen Turnus alle grundlegenden Teile sowohl der 
reinen, als der angewandten Mathematik zur Darstellung. Ferner wird 
stets darauf gesehen, dass das Hauptkollegium „Infinitesimalrechnung" in 
jedem Jahre gehalten wird. Der Spezialarbeit der Studierenden dient das 
mathematische Seminar. Zum kleineren Teil wird die verfügbare Zeit der 

16 



Abhaltung von Übungen für Anfänger gewidmet; überwiegend wird an- 
gestrebt, die fortgeschrittenen Studierenden zu selbständiger Arbeit zu 
führen. Den Studierenden steht, auch wenn sie sich nicht an den Seminar- 
übungen beteiligen, die Benützung der Seminarbibliothek frei. 

Die Sternwarte der Prager deutschen Universität liegt 
im Universitätsgebäude (Klementinum) selbst und ist von den Hörern der 
Astronomie leicht zu erreichen. Sie besteht aus dem 1751 erbauten Stern- 
wartenturme, aus dem 1886 erbauten modernen Meridianzimmer und 
einem astronomischen Museum mit mehreren historisch-interessanten und wert- 
vollen Instrumenten, Apparaten, Abbildungen etc. Der Turm besitzt eine 
Beobachtungsgalerie in 38 Meter Höhe mit schöner Aussicht über die ganze 
Stadt. Im Turme, von welchem aus durch 4 grosse Türen beobachtet 
wird, befinden sich: Ein festaufgestelltes 6-zölliges Äquatoreal von Stein- 
heil in München, 4 Standfernrohre, 1 Kometensucher, 1 Theodolit, 1 Sextant, 
1 Prismenkreis und 3 Pendeluhren. Daselbst werden Beobachtungen der 
Mondoberfläche, der veränderlichen Sterne mittelst eines Keil-Photometers, 
von Kometen und Nebelflecken, der Jupitertrabanten-Verfinsterungen, der 
Sternbedeckungen durch den Mond, der Sternschnuppen, der Sonnen- 
oberfläche mit ihren Flecken und der Sonnen- und Mondfinsternisse an- 
gestellt. Im Meridianzimmer, sind 2 Passageninstrumente vorhanden. 
Hier befindet sich die Normalpendeluhr der Sternwarte mit elektrischer Re- 
gistriereinrichtung nebst zwei Chronometern. Daselbst geschehen die Beobach- 
tungen zur Zeitbestimmung aus Äquator und Polsternen. Ferner werden 
beobachtet die Passagen des Mondes durch den Meridian (Mondkulmi- 
nationen), der Planeten und der helleren Kometen. Ausserdem besteht 
an dem einen Passageninstrumente eine Einrichtung um scharfe Pol- 
höhen-Messungen vornehmen zu können. Das astronomische Museum 
besitzt 2 Original-Sextanten von Tycho Brahe, 4 alte kostbare Kunstplaneten- 
uhren (Unika), mehrere andere historische Apparate, zahlreiche Abbildungen 
hervorragender Astronomen, Mathematiker und Physiker, viele Photographien 
des Mondes, der verschiedenen Sternwarten und ihrer Instrumente, instruk- 
tive Zeichnungen bezw. Tafeln für den astronomischen Unterricht etc. Die 
Sternwarte besitzt noch aus dem 18. Jahrhundert zwei grosse Mauer- 
quadranten, die in der Süd- und Nordwand des Turmes befestigt sind und 
ein altes Dollond'sches Äquatoreal. Alle Räume der Sternwarte können 
zur Nachtzeit elektrisch beleuchtet werden. Da die Prager Sternwarte auch 
ein magnetisch-meteorologisches Observatorium ist und viele 
Apparate für den bezüglichen täglichen Beobachtungsdienst besitzt, ist an 
ihr Gelegenheit vorhanden, sich auf magnetisch-meteorologischem Ge- 
biete zu betätigen. 

Im physikalischen Institut werden allgemeine und spezielle 
Vorlesungen und Übungen über Experimentalphysik abgehalten, und es ist 
so die Möglichkeit einer experimentellen Ausbildung von allem Anfange 
an bis zu selbständigen wissenschaftlichen Arbeiten (meistens Dissertationen) 
gegeben. 

Mit der Lehrkanzel für mathematische Physik ist das mathe- 
matisch -physikalische Institut verbunden, das insbesondere den 
Zweck hat, die Möglichkeit zu experimentellen Arbeiten zu bieten. Es 
besteht aus drei Zimmern und einem Raum für chemische Arbeiten. 

2 17 




Blick aus dem Botanischen Garten auf die naturwissenschaftlichen Institute. 

Seit mit der Lehrkanzel für kosmische Physik auch ein allerdings 
noch bescheiden eingerichtetes Institut verbunden ist, werden auch prak- 
tische Übungen und Besprechungen der neueren Literatur und von Pro- 
blemen, die dann für selbständige Arbeiten verwendet werden können, ab- 
gehalten. Von Zeit zu Zeit wird das an das Institut angegliederte 
Observatorium auf dem Donnersberge bei Teplitz besucht, das 
als ideal günstig angelegtes meteorologisches Observatorium gerühmt wird. 
Die Studierenden haben Gelegenheit, dort mit dem praktischen Wetter- 
dienste bekannt zu werden. Der Ausblick vom Donnersberge, den schon 
A. v. Humboldt bewundert hat, bietet ein interessantes, besonders morpho- 
logisch abwechslungsreiches Naturbild dar. Für Studienzwecke kann dort 
auch freie Unterkunft gewährt werden. Die Vorlesungen umfassen das 
ganze Gebiet der kosmischen Physik, nicht wie sehr häufig nur die Meteoro- 
logie, nämlich Astrophysik, Geophysik (insbesondere auch Erdbebenkunde, 
Ozeanographie, Erdmagnetismus) und Meteorologie. 

Das Institut für physikalische Chemie ist das einzige, spe- 
ziell diesem Wissenszweige gewidmete Institut in Österreich. Aber auch 
an den Universitäten des deutschen Reiches bestehen nur an verhältnis- 
mässig wenigen Universitäten derartige Institute (Berlin, Leipzig, Göttingen, 
Giessen, Freiburg i. B.), während an den anderen Universitäten entweder 
eine Abteilung des chemischen Laboratoriums für die Zwecke der physi- 
kalischen Chemie eingerichtet ist, oder aber, trotz der zunehmenden 
Wichtigkeit dieses Gebietes, eine Möglichkeit zu experimentellen Arbeiten 
überhaupt fehlt. 

Das chemische Laboratorium hat die Aufgabe, Chemiker von 
den Anfangsgründen bis zur Vollendung ihrer Studien praktisch auszu- 
bilden; ausserdem erhalten Mediziner, Pharmazeuten, Mittelschullehramts- 
kandidaten ihre chemische Ausbildung im Sinne der betreffenden Studien- 
ordnungen, ferner Ärzte, die die Befähigung für den öffentlichen Sanitäts- 
dienst anstreben. Das Institut verfügt über 130 Arbeitsplätze für Studierende 
in Abteilungen für analytische und präparative Übungen und für wissen- 
schaftliche Untersuchungen. 



1 




Chemisches Institut. 

Dem Mineralogie und Petrographie Studierenden bietet Prag 
infolge seiner Lage im Zentrum eines der mineralreichsten Länder Vorteile 
wie wenige andere Universitätsstädte. Von hier aus lassen sich zahlreiche 
berühmte Mineralfundorte, Bergwerke und Mineralquellenorte bequem be- 
suchen, und ebenso können alle auf die Gesteinswelt Bezug habenden 
Verhältnisse bei den zahlreichen von der Lehrkanzel veranstalteten Exkur- 
sionen in der Natur studiert werden. Für die Laboratoriumsarbeit stehen 
ausreichende Räumlichkeiten sowie das notwendige Instrumentarium und 
gutes Vergleichsmaterial zur Verfügung. Der Lehrapparat ist nach jeder 
Richtung hin modern ausgestattet. 

Das gesonderte geologische Institut besitzt eine umfangreiche, 
viele wertvolle Stücke enthaltende Sammlung, welche den Studierenden 
zur Besichtigung jederzeit offen steht und so geordnet ist, dass dadurch 
das Verständnis der Vorlesungen aus Geologie und Paläontologie wesent- 
lich gefördert wird. Eine ansehnliche Fachbibliothek, lichte Räumlichkeiten, 
die mit allen erforderlichen Hilfsmitteln zur Ausführung wissenschaftlicher 
Arbeiten ausgestattet sind, stehen zur Verfügung. Für das Studium 
der Geologie und Paläontologie bietet Prag wie wenige 
andere Universitäten vorzügliche Gelegenheit. Schon die unmittelbare 
Nachbarschaft des berühmten, seinesgleichen suchenden inner-böhmischen 
Paläozoikums, sowie die gut aufgeschlossenen Ablagerungen der unteren 
Glieder der böhmischen Kreide in der nächsten Nähe von Prag liefern 
hiezu reichlichen Stoff und Anregung. Aber nochmehr ist der leicht- 
erreichbare, das Innere des Landes im weiten Bogen von Osten über 
Norden nach Westen umfassende deutschböhmische Landstrich dazu wie 
geschaffen. Die alten böhmischen Randgebirge, das vulkanische Duppauer- 
und Mittelgebirge, die Pläner- und Quadersandsteinablagerungen, die Braun- 
kohlenmulden, Mineralquellenzüge u. s. w. galten von jeher mit Rechte 
als eine Schule für Geologen, deren Besuch schon Goethe und auch 
Alex, von Humboldt, Leopold von Buch und seitdem viele 
andere hervorragende Fachmänner nicht verschmäht haben. Auch der an- 
gehende Geologe wird dort reichliche Belehrung und Erfahrung sammeln 
können. Bahnverbindungen nach allen Seiten hin gestatten leicht zu bewerk- 



2* 



19 













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Partie aus dem Botanischen Garten. 



stelligende ein- oder mehrtägige Ausflüge, auf denen sich überall Gelegen- 
heit bietet, Materialien zu sammeln. 

Das botanische Institut wurde in den letzten 10 Jahren durch 
Anschaffung sowohl der wichtigsten Instrumente als auch aller Apparate 
zur Mikrophotographie und für Reinkulturen derartig ausgestaltet, dass alle 
in das Gebiet der systematischen Botanik insbesondere aber der Krypto- 
gamenkunde einschlägigen wissenschaftlichen Arbeiten ausgeführt werden 
können. Bei deren Durchführung gewährt der botanische Garten, 
dessen wissenschaftliche Ausgestaltung von allen Fachleuten besonders an- 
erkannt wird, durch seine Glashäuser und Versuchsbeete die erforderliche 
Unterstützung. 

Das pflanzenphysiologische Institut ist seit 1898 in einem 
stattlichen Neubau untergebracht. Das Institut besitzt eine grosse Fach- 
bibliothek, in der auch die ältere Literatur reich vertreten ist, ausgezeich- 
nete Mikroskope, darunter ein grosses Zeissches Ultramikroskop , einen 
grossen Projektionsapparat von derselben Firma, und ist räumlich und 
wissenschaftlich so ausgerüstet, dass anatomische und physiologische Ar- 
beiten nach den verschiedensten Richtungen, auch nach der bakteriologi- 
schen möglich sind. Besonders hervorgehoben sei, dass das Institut mit 
einem Versu chsgarten und einem Gewächshause verbunden ist, wodurch 
der wissenschaftliche Betrieb des Institutes in hohem Masse gefördert wird. 
Das Institut darf sich rühmen, unter den österr. pflanzenphysiologischen 
Instituten das erste gewesen zu sein, welches einen solchen den Bedürf- 



20 




Partie aus dem archäologischen Institut. 

nissen der Pflanzenphysiologen entsprechenden Versuchsgarten errich- 
tet hat. 

Das zoologische Institut bietet den wissenschaftlich arbeitenden 
Studenten viele Vorteile. Die Arbeitsplätze sind bequem, die Ausstattung 
mit modernen wissenschaftlichen Hilfsmittel ist eine reichliche, und die 
Literaturbeschaffung ist so organisiert, dass jeder die Werke, die er braucht, 
leicht und rasch bekommen kann. Für solche, die sich nicht eingehender 
mit der Zoologie beschäftigen, sondern sich nur die für Lehramtskandi- 
daten der Naturgeschichte, oder die für Mediziner erforderlichen zoologi- 
und allgemein biologischen Kenntnisse aneignen wollen, ist ebenfalls gut 
vorgesorgt. 

Das historische Studium an der deutschen Universität in Prag 
leidet nicht an dem Übelstande der Kumulation allzu verschiedenartiger 
historischer Fächer durch einen und denselben Dozenten, wie dies an 
kleineren Universitäten vorzukommen pflegt, sondern ist durchaus arbeits- 
teilig organisiert. Es bestehen für politische Geschichte im weitesten Sinne 
fünf ordentliche Professuren (zwei für Geschichte des Altertums, eine für 
Geschichte des Mittelalters, eine für Geschichte der Neuzeit, eine für österr. 
Geschichte), wozu noch eine ordentliche Professur für historische Hilfs- 
wissenschaften kommt. Das in vier Abteilungen für alte, mittlere, neue 
und österr. Geschichte geteilte historische Seminar besitzt eine Bibliothek 
von ca. 4000 Bänden, in welcher die wichtigsten urkundlichen und chro- 
nikalischen Quellen und Hilfsmittel sowie die gebräuchlichsten Lehr- und 
Handbücher der sämtlichen historischen Fächer enthalten sind. Auch 



21 



der Apparat für historische Hilfswissenschaften ist umfänglich; besonders 
vertreten ist die Abteilung der Kaiser- und Papsturkunden des Mittel- 
alters ; in neuester Zeit ist noch eine Münzsammlung hinzukommen. 
Arbeiten fortgeschrittener Studierender werden unter dem Titel »Prager Stu- 
dien* veröffentlicht. 

Dem epigraphischen Seminar steht ein guter Bestand an 
Hilfsmitteln, bes. an Büchern, Karten, Photographien u. ähnl. m. zur Ver- 
fügung. Die archäologisch-epigraphischen Seminare sind eine Eigentüm- 
lichkeit der deutschösterreichischen Universitäten: sie dienen der Lehre und 
Forschung über die monumentalen Quellen der klassischen Altertumswissen- 
schaft. Doch beansprucht die epigraphische Abteilung des Seminars eine 
Sonderstellung auch in Österreich. Während an den Seminarien in Wien 
und Graz vorzugsweise, beinahe ausschliesslich römische Epigraphik ge- 
trieben wird, beschäftigt sich unsere Seminarabteilung mit dem Studium 
der griechischen Inschriften und damit in Zusammenhang der griechischen 
Geschichte und Altertümer. 

Die Vorlesungen über Kunstgeschichte bezwecken das Verständnis 
der Kunst und ihrer Entwicklungsgeschichte zu fördern. Es dienen dazu 
die Projektionen von Lichtbildern und das ganze Material des Kunsthisto- 
rischen Instituts. Die Besprechungen und Übungen des Seminars werden 
im Institute, in der Gemäldesammlung des Rudolfinums, im Kunstgewerbe- 
museum, Dom und Domschatz abgehalten. Die alte Lehrmittelsammlung ist 
seit 1904 neu geordnet, erweitert u. zum Kunsthistorischen Institut 
umgewandelt worden. Dieses besitzt ca. 10.000 Photographien und Repro- 
duktionen. Alle Stile und ihre Übergangsstufen sind gut vertreten. Ausser- 
dem verfügt das Institut über 400 Radierungen, Stiche und Lithographien. 
Die kleine Institutsbibliothek zählt r. 600 Nummern; ihre Lücken ergänzen 
die öffentlichen Bibliotheken. Für die Vorlesungen besteht eine Sammlung 
von r. 4000 Diapositiven. — Die unten folgende Skizze »Prag als Kunststätte« 
erweist dessen Reichtum an bedeutenden Denkmälern; nebst dem begün- 
stigt die Nähe Dresdens, Wiens und kunstreicher Provinzstädte und Klöster 
das kunstwissenschaftliche Studium an unserer Universität ausserordentlich. 

Das Fach der Musikwissenschaft, das in Österreich ausser in Wien 
nur in Prag vertreten ist, wird hier in Vorlesungen geschichtlichen, ästhe- 
tischen und theoretischen Inhalts behandelt. Für Studierende, die sich ein- 
gehender mit dem Gegenstand beschäftigen und selbst an der Besprechung 
wissenschaftlicher Fragen teilnehmen wollen, werden Übungen abgehalten. 
Zu den Vorträgen und Übungen steht ein Klavier zur Verfügung, es werden 
aber auch Gesangsdemonstrationen gebracht, und gelegentlich wurde die 
Einrichtung der Orgel an dem im grossen Konzertsaal des Rudolphinums 
aufgestellten Instrument gezeigt. Ferner steht den Teilnehmern der Übun- 
gen eine besondere Handbibliothek zu Gebote, die die in neuerer Zeit er- 
schienenen Denkmäler älterer Musik, sowie die wichtigste einschlägige 
Literatur enthält und es in der kurzen Zeit ihres Bestandes auf ungefähr 
400 Bände gebracht hat. Vorläufig in einem Hörsaal untergebracht, wird 
die Bibliothek nach den Plänen des neuen Universitätsbäues in besonderen 
Institutsräumen mit anschliessendem Hörsaal aufgestellt sein. — Im Lehr- 
plan der Universität ist ausser der Professur für Musikwissenschaft noch 

22 



ein Lektorat für Harmonielehre und Chorgesang 1 ) vorge- 
sehen. 

Die Lehrkanzel für Geographie ist gegenwärtig verwaist, da der 
bisherige Inhaber, der bekannte Afrika-Reisende Oscar Lenz in den Ruhe- 
stand tritt. Da aber begründete Hoffnung besteht, eine junge tüchtige 
Kraft zu gewinnen, so ist auch an dieser Lehrkanzel ein moderner Betrieb 
gewährleistet. 

Die klassische Philologie wird von drei ordentlichen Pro- 
fessoren in allen ihren Disziplinen vertreten. Neben den Vorlesungen, 
welche dem Studenten das fertige Fachwissen darbieten und ihn zugleich 
in die wissenschaftliche Forschung der Gegenwart einführen, bestehen das 
lateinische und das griechische Seminar, die den Studenten 
zu eigener wissenschaftlicher Forschung anleiten, indem sie ihn von klei- 
neren zu grösseren und immer schwierigeren und umfangreicheren Arbeiten 
führen und dadurch allmählich selbständig machen. Eine Vorbereitung 
für diese Tätigkeit der Seminare stellen das lateinische und das 
griechische Proseminar dar, in welche die Hörer des ersten Semes- 
ters eintreten. Gleichzeitig finden hier die Hörer der germanischen und 
modernen Philologie sowie die der Geschichte Gelegenheit, ihre Kennt- 
nisse in den klassischen Sprachen zu erweitern. Die Seminare gehen 
dem Studenten durch ausgewählte Bibliotheken an die Hand. 

Das archäologische Institut umfasst eine in vier Sälen auf- 
gestellte Abguss-Sammlung, die zwar nicht in der Zahl der Abgüsse, doch 
in deren Auswahl einen bevorzugten Platz beanspruchen kann. 
Einen hervorragenden Teil bildet die im Laufe des 18. Jahrhun- 
derts entstandene, 1797 vom Grafen Erwin Nostitz erworbene Sammlung 
des Hofstatuarius Josef Müller, die in ihrem grossen Teile durch Schen- 
kung in das Institut gelangt ist und manches Unikum enthält. Ein be- 
sonders im wissenschaftlichen Sinne modernes Gepräge wird dieser Samm- 
lung durch eine ganze Reihe von plastisch ausgeführten Experimenten 
gegeben, die eine Annäherung der Abgüsse an die ursprüngliche Schöpfung 
durch Abnahme falscher Restaurierung wie durch Anfügung der richtigen, 
oder doch richtigem und Entfernung von Copistenstatuen, und durch An- 
deutung der Polychromie anstreben. Eine reiche Photographien-Sammlung 
wie eine ausreichende Handbibliothek dienen sowohl den Zwecken der 
Vorlesung wie der wissenschaftlichen Arbeit. 

Die deutsche Sprache und Literatur ist durch zwei ordent- 
liche, zwei ausserordentliche Lehrkanzeln und zwei Privatdozenten vertreten. 
Das Seminar für deutsche Philologie, in schönen hellen Räumen nahe dem 
Klementinum untergebracht, zerfällt in 2 Abteilungen: für ältere und für 
neuere Sprache und Literatur. Die Übungen in der älteren Abteilung bewegen 
sich auf den Gebieten der gotischen, althochdeutschen, altsächsischen und mittel- 
hochdeutschen Sprache und Literatur ; die Übungen der neueren Abteilung er- 
strecken sich bis auf die Gegenwart. Für den Abdruck der besten Arbeiten beider 
Abteilungen dienen die »Prager Deutschen Studien«. Besondere Aufmerksamkeit 
findet die heimische Literatur, so werden einzelne Bände der »Bibliothek 
deutscher Schriftsteller aus Böhmen« im Seminar bearbeitet, wofür das 
Stifter- Archiv der »Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst 

*) Hierüber vergl. S. 46. 

23 



und Literatur« reiches Material darbietet. Liebevolle Pflege erfährt die 
»Deutsche Volkskunde^, der gleichfalls ein eigenes Organ in den »Beiträgen 
zur deutschböhmischen Volkskunde« und das »Volkskundliche Archiv« der- 
selben Gesellschaft zur Verfügung steht. Für Anfänger werden eigene 
Vorlesungen und Übungen abgehalten. Für vergleichende Literaturgeschichte 
der neueren Sprachen ist ein eigener Dozent vorhanden. 

Im französischen Seminar wird den Studierenden Gelegenheit 
geboten, sich sowohl dem praktischen als auch dem wissenschaftlichen 
Studium des Französischen hinzugeben. Das Seminar besitzt eine Bibliothek 
von etwa 1800 Nummern. Die wichtigsten Zeitschriften, sowie wertvolle 
Studienbehelfe, z. B. Gillierons Atlas linguistique, stehen den Studierenden 
zu Gebote. 

Die Studierenden der englischen Philologie haben Gelegen- 
heit, neben den theoretischen Vorlesungen und Übungen auch phonetische 
Kollegien zu hören und das praktische Studium der modernen Sprache 
unter Leitung eines Engländers zu betreiben. Ferner steht ihnen eine Se- 
minarbibliothek von mehr als 2100 Bänden zur Verfügung, welche neben 
den geläufigen Handbüchern noch eine sorgfältige Auswahl wertvoller 
Studienbehelfe und Texte enthält. Bei einigem Fleiss können Hörer der 
englischen Philologie, welche sich dem Mittelschullehramt widmen wollen 
und die Fachgruppen Englisch-Deutsch oder Englisch-Französisch wählen, 
ihre Studien in acht Semestern zu Ende führen, und es bieten sich ihnen 
gegenwärtig gute Aussichten auf rasche Anstellung an Realschulen, Han- 
delsakademien, Gewerbeschulen, Mädchenlyzeen usw. 

Für orientalische Philologie (semitische Sprachen und Litera- 
turen) besteht eine ordentliche Lehrkanzel. Das von der philos. Fakultät 
beantragte Seminar fehlt noch : dafür werden stark besuchte Übungen abge- 
halten. Die Vorlesungen verbreiten sich über das Gesamtgebiet 
der semitischen Philologie (Arabisch, Äthiopisch, Hebräisch, Phö- 
nikisch, Aramäisch [Syrisch], Assyrisch) — nebenbei werden Vorlesungen 
über »Hieroglyphengrammatik«, Persisch und Türkisch gehalten. Eine reich- 
haltige Bibliothek, deren Grundstock eine Schenkung des f Landesschul- 
inspektors Dr. Johann Gall ist, steht den -Teilnehmern der Übungen zur 
Verfügung; sie umfasst über 500 Werke in ca. 600 Nummern. 

Die Lehrkanzel der indischen Philologie und der Ethno- 
logie verfügt über eine Handbibliothek, die die wichtigsten Studienbehelfe 
für die Studierenden des Sanskrit und der indischen Philologie (Chresto- 
mathien, Texte, Grammatiken, Wörterbücher, Werke über indische Literatur- 
geschichte u. s. w.), sowie eine Anzahl Handbücher und Bilderwerke für 
die Hörer der Vorlesungen über Ethnologie enthält. 

Die Lehrkanzel für vergleichende Sprachwissenschaft be- 
rücksichtigt im Rahmen ihrer Aufgabe: der vergleichenden Betrachtung 
der indogermanischen Sprachen, besonders auch die slavischen Sprachen. 
Für die wissenschaftliche Betrachtung, speziell der tschechischen 
Sprache und Literatur, ist durch eine Dozentur, für die praktische Übung 
dieser Sprache, die für den juristischen Nachwuchs bereits unerlässlich ge- 
worden ist, durch ein Lektorat vorgesorgt. (4 Kurse: für Anfänger, für 
Vorgeschrittenere, ein Fortbildungs- und Übungskurs mit juridischen Übungen, 

24 



ein philologischer Kurs für Hörer der lehramtlichen Fachgruppe deutsch- 
tschechisch). 

Ferner bestehen Lektorate für die praktische Erlernung der engli- 
schen, der französischen und der italienischen Sprachen 
(den Hörern aller Fakultäten zugänglich), für Stenographie, für Stimm- 
bildung und Redekunst. 

Für die Lehramtskandidaten des Turnens besteht ein eigener Turn- 
lehr e r b i 1 d u n g s k u r s. 



Aufforderung 
zum Tanz. 




Antike 
Rokkokogruppe. 



Rekonstruktion aus dem archäologischen Institut. 



25 




Die technische Hochschule. 

Für den Studierenden der technischen Wissenschaften bietet Prag 
eine reiche Fülle von Anregungen, die das ganze Gebiet des Ingenieur- 
wesens umfassen. Der Bauingenieur findet sie in bedeutenden Brücken- 
bauanstalten und Eisenkonstruktionswerkstätten und in deren hervorragenden 
Leistungen sowie durch die bereits ausgeführten und im Bau befindlichen 
grossen Kanal- und Tal sperrbauten Böhmens, endlich auch in vielen mo- 
dernen Fabrikbauten. Dem Maschinenbauer bieten die tonangebenden Ma- 
schinenfabriken mit ihrer umfassenden Tätigkeit, sowie die leicht erreich- 
baren, grossen Hütten- und Bergwerksbetriebe und viele bedeutende Fa- 
briken, insbesondere der Textilindustrie, Gelegenheit zur Erwerbung 
praktischer Kenntnisse. Dem Chemiker wird der Besuch der bedeutendsten 
chemischen Fabriken mit umfassendstem Produktionsbereich (Zucker, 
Petroleum, Spiritus, Pottasche, Glas, Porzellan, chemische Grossindustrie, 
Färbereien u. a.) nützlich sein. So bildet Prag wohl den bedeutendsten 
technischen Mittelpunkt Österreichs und vermag auch, infolge der guten 
Beziehungen zwischen Industrie und Hochschule vielen zum Ausgangs- 
punkte ihres Fortkommens im Leben zu werden. Viele deutsche technische 
Vereine (deutscher polytechnischer Verein in Böhmen, chemische Gesell- 
schaft, Lotos, elektrotechnischer Verein, Verein deutscher Chemiker an der 
technischen Hochschule, technische Abteilungen der Germania und der 
Lesehalle) kennzeichnen das rege fachliche Leben. 

Der Unterricht in der Mathematik ist für die verschiedenen Fach- 
schulen geteilt. Für die Hörer der Bauingenieur- und Maschinenbauschule 
bestehen 2 Kurse. Für die Hörer der Hochbau- und der chemisch-technischen 



26 



Abteilung sind die Vorlesungen entsprechend abgekürzt. Alle Vorlesungen 
werden durch Repetitorien und Übungen ergänzt. Für die Hörer des 
versicherungstechnischen Kurses wird in 2 Kursen über Versicherungs- 
mathematik und über Wahrscheinlichkeitsrechnung gelesen. 

Die Vorträge über darstellende Geometrie werden durch 
umfangreiche konstruktive Übungen ergänzt. Die Sammlung dieser Lehr- 
kanzel besitzt u. a. die Modellserien von Schilling und Wiener. Bei den 
Vorlesungen findet ein Projektionsapparat mit Zeiss-Objektiv vielfache Ver- 
wendung. 

Die Vorlesungen über Mechanik gliedern sich in 3 Kurse, denen 
noch eine Vorlesung über graphische Statik und eine Vorlesung über 
Materialienlehre angeschlossen werden. Für die Hörer der chemischen und 
der kulturtechnischen Abteilungen werden besondere enzyklopädische Vor- 
lesungen über Mechanik abgehalten. Das mechanisch-technische 
Laboratorium zur Untersuchung von Bau- und Konstruktionsmaterialien 
enthält eine Festigkeitsprobiermaschine „System Gellner" für Zug-, Druck-, 
Biegungs- und Torsionsversuche an Metallstäben, ferner Apparate zur 
Messung von Formveränderungen, ein Metallmikroskop, einen Kugeldruck- 
apparat zur Härtebestimmung, eine hydraulische Presse für Druckproben, 
einen Akkumulator für den hydraulischen Antrieb der Festigkeitsmaschine. 
Endlich sind alle zur Untersuchung von Zement und zur Herstellung der 
bezüglichen Probekörper nötigen Apparate vorhanden, zur Unterstützung 
der Vorträge über Materialienlehre besteht ausserdem eine entsprechende 
Materialiensammlung. Die Sammlung der Lehrkanzel für Mechanik, 
die aus der historischen Gerstnerschen Sammlung hervorgegangen ist, enthält 
eine Reihe von Modellen einfacher und zusammengesetzter Maschinen, 
Bewegungsmechanismen, Apparate zur Erläuterung mechanischer Grund- 
sätze, die Apparate zum Foucauldschen Pendelversuch, eine Thomassche 
Rechenmaschine, einen Amslerschen Momentenplanimeter, eine grössere An- 
zahl von Wandtafeln aus den Gebieten der Kinematik und graphischen 
Statik. Bemerkenswert ist noch eine Sammlung verschiedener Uhrenhemmungen, 
an welche sich auch eine alte „Wasseruhr" anreiht. 

Der Lehrkanzel für Geodäsie obliegen verschiedene Vorlesungen 
für die verschiedenen Fachschulen. Die Elemente der niederen Geo- 
däsie für Maschinen- und Hochbauer, Nivellieren, und die niedere 
Geodäsie für Bauingenieur und Kulturtechniker und die Hörer des geo- 
dätischen Kurses. Zu diesen letzteren wird ausser den fortlaufenden Übungen 
eine 15tägige Exkursion unternommen. Die höhere Geodäsie für Bau- 
ingenieure und Hörer des geodätischen Kurses, Landesvermessung. Ferner 
werden die Grundzüge der sphärischen Astronomie und An- 
wendungen der Geodäsie auf Kulturtechnik, sowie geodä- 
tisches Rechnen vorgetragen. Endlich werden Übungen über Plan- und 
Terrainzeichnen abgehalten. Die Lehrkanzel verfügt nebst historisch- 
interessanten Objekten über eine Instrumentensammlung, in welcher alle für 
moderne Ingenieurarbeiten nötigen Apparate vertreten sind. 

Neben den grossen Vorlesungen über Physik wird für Kultur- 
ingenieure eine besondere Vorlesung gehalten, ebenso neben dem grossen 
Praktikum ein besonderes für Lehramtskandidaten. Das physikalische 
Institut verfügt über eine reichhaltige Sammlung von Apparaten und 
Maschinen. In der präzisionsmechanischen Werkstatt des Instituts werden 

27 




Maschinenbau-Laboratorium. 



die erforderlichen Neukonstruktionen ausgeführt. Eine alle Räume des In- 
stituts durchziehende Druck- und Saugleitung liefert den eventuell not- 
wendigen Gebläsewind und gestattet überall Quecksilberpumpen mit Vor- 
evakuierung zu verwenden. Endlich ist Dreh- und Gleichstrom zu experi- 
mentellen Zwecken ausreichend zur Verfügung. 

Das elektrotechnische Laboratorium, dem eine Werkstätte 
für Mechanikerarbeiten angegliedert ist, enthält elektrische Maschinen, die 
von einem Gasmotor angetrieben werden, der rd. 10 Ph. e. leistet, u. z. 
eine opolige Wechselstrommaschine für Einphasenstrom von Ganz & Co., 
eine 2polige Nebenschlussmaschine Kappscher Type von Kfizik, eine 
Schuckertsche Flachringmaschine, eine Induktormaschin« für Dreiphasenstrom 
von Kolben; ferner ist aufgestellt ein Seriengleichstrommotor von Siemens 
& Halske, der in einen Gleichstrom Wechselstrom-Umformer umgewandelt 
wurde, ein Serienwechselstrommotor von Ganz & Co., ein 4 poliger asyn- 
chroner Dreiphasenmotor mit Phasenanker von Kolben & Co., eine Neben- 
schlussdynamo der allg. Elektrizitätsgesellschaft in Berlin und ein Neben- 
schlussmotor. Endlich 2 Einphasentransformatoren von Ganz & Co., ein Hoch- 
spannungstransformator und ein Dreiphasentransformator von Kolben & Co., 
ferner 2 Akkumulatorbatterien von Tudor & Pollak. Das Laboratorium ist 
naturgemäss in rascher Erweiterung begriffen. Eine reichhaltige Sammlung 
von Messinstrumenten und Apparaten für Lehrzwecke unterstützt den Unter- 
richt wesentlich. Jährlich werden mehrere Exkursionen unternommen, die 
ebenfalls den Hörern praktische Kenntnisse vermitteln. 



28 



Die Lehrkanzel für mechartischeTechnologie hat eine reich- 
haltige, vortrefflich geordnete Sammlung, welche sich einerseits auf Holz- 
und Metallbearbeitung, anderseits auf die Textilindustrie und andere spezielle 
Industrien bezieht. Aus den vielen Objekten seien folgende Gruppen her- 
vorgehoben: Schlösser, Holzhobel, Feilen, Uhrbestandteile, Typographie, 
Textilfasern, Webstuhlmodelle, Prüfungsmaschinen für Garn, Gewebe und 
Papier, sowie eine historische Sammlung von Maschinenmodellen. 

Die Lehrkanzel für Maschinenbau I. Kurs (Maschinenele- 
mente) verfügt über zahlreiche Modelle von Verschraubungen, Vernie- 
tungen, Transmissionsteilen, Kurbeltriebwerken, ferner über eine Reihe von 
Originalausführungen hervorragender Fabriken von Ma- 
schinenteilen, insbesondere von Transmissionsteilen und Armaturen. Die 
Lehrkanzeln für Maschinenlehre und Maschinenbau II. Kurs a (Wärme- 
motoren) besitzen eine Reihe von historischen und modernen 
Messinstrumenten, Dynamometer, Indikatoren, Tachometer und Tacho- 
graphen, Bremsen, Pyrometer, Kalorimeter, Apparate zur Gasanalyse u. a. 
Ferner ist eine Reihe von Steuerungsmodellen und eine Anzahl von Reglern 
vorhanden, die zur Ausführung von Versuchen betriebsfähig aufgestellt 
werden können, ferner eine Sammlung von Objekten des Dampfkessel- 
baues, Armaturen, verschiedene Brennmaterialien u. dgl. Für Vortrags- 
zwecke sind Bildersammlungen, Tafeln, Zeichnungen, sowie ein Projektions- 
apparat und elektrischer Antrieb zur Vorführung von Modellen und Instru- 
menten im Betriebe vorhanden. Die Lehrkanzel für Maschinenbau II. Kurs b 




Chemisches Laboratorium. 



29 



(Hebezeuge, Pumpen, Wassermotoren) verfügt über eine historische 
Sammlung, die eine Reihe bemerkenswerter Objekte enthält, ferner über 
eine Anzahl von Messinstrumenten, wie Dynamometer, Wassermesser u. a., 
eine Anzahl von Modellen von Wassermotoren, Pumpen und Injektoren, 
verschiedene Rollenzüge und Winden, Armaturen für Pumpen und Ge- 
bläse, Teile von Wasserturbinen in Originalausführung, eine Vorrichtung 
zur Abnahme von Ventilerhebungsdiagrammen bei Pumpen, eine Samm- 
lung von Injektoren, endlich viele Tafeln und Zeichnungen. 

Das Maschinenlaboratorium ist das erste in Osterreich er- 
richtete. Es besteht aus einem Kesselhause mit einem Wasserrohrkessel, 
einem kleinen stehenden Querrohrkessel, einer liegenden Ventilsdampfma- 
schine, die eine Differentialpumpe und einen Doppelstromgenerator an- 
treiben kann; ferner ist aufgestellt eine liegende Verbund-Dampfmaschine mit 
Kolbenschiebersteuerung und Flachregler und Kondensation, die eine entspre- 
chende Transmissionswelle antreibt, eine Elektradampfturbine mit Generator 
und Strahlkondensator, ausserdem eine Zentralkondensationsanlage mit 
Oberflanzenkondensator und Luftpumpenmaschine, ein Laufkran, eine Wor- 
thington-Speisepumpe und ein Injektor, ein Sturtevant-Ventilator, eine Druck- 
luftmaschine, eine kleine Zentrifugal- und eine Kapselpumpe, eine Zentri- 
fugalpumpe zur Lieferung des Wassers für eine Spiralfremisturbine, die mit 
Rohrleitung, Messreservoir und Messkanal ausgestattet ist und mit Hilfe 
eines Drehstrom- Elektromotors und zugehöriger Transmission die genannte 
Zentrifugalpumpe antreibt, endlich ein Gasmotor und ein Benzinmotor. 
Alle Maschinen sind zu Versuchszwecken hergerichtet. Die Kesselanlage 
ist mit permanenten Messvorrichtungen ausgerüstet. 

Der Lehrkanzel für Baumechanik und Eisenhochbau steht 
eine Sammlung von Vorlagen, Modellen und Messapparaten zur Prüfung von 
Baukonstruktionen zur Verfügung. Für die praktische Ausbildung dienen 
Besichtigungen der Prager Eisenbauwerkstätten und in Ausführung be- 
griffener Eisenbetonbauten. 

Die Lehre über Hochbau ist in 3 aus Vorträgen und Konstruk- 
tionsübungen bestehende Kurse zerlegt. Eine Sammlung von Modellen 
bietet den Hörern Gelegenheit, ihre Studien durch Benützung dieser Ein- 
richtung zu erweitern. Besonderer Wert wird auf die Besichtigung von im 
Bau begriffenen Häusern gelegt, durch die den Studierenden ein Einblick 
in die praktische Baubetätigung gewährt werden soll. 

Die Vorträge über Brückenbau zerfallen in drei Kurse: In den 
konstruktiven Übungen haben die Hörer Gelegenheit, vollständige Projekte 
zu entwerfen, während eine jährlich einmal stattfindende grosse Studien- 
reise und mehrere kleinere Exkursionen dazu bestimmt sind, den Hörern 
verschiedene im Bau begriffene Objekte zu zeigen. Die Lehrkanzel besitzt 
eine sehr reichhaltige Sammlung von interessanten Brückenmodellen. 

Die Lehrkanzel für Strassen-, Eisenbahn- und Tunnelbau 
umfasst ein umfangreiches Gebiet: Erdbau, Strassenbau, Eisenbahn-Unterbau 
und Eisenbahn-Oberbau, Strassenbahnen, elektrische Bahnen, Tunnelbau, 
Trassiren. In der Absicht, die Hörer auch für den Verwaltungsdienst vorzu- 
bereiten, wurden in den letzten Jahren Vorlesungen über »Bauleitung und 
Vorarbeiten für Strassen und Eisenbahnen', ferner über »Eisenbahnbetrieb« 
und über ^ Bahnerhaltung und Signalwesen für Bauingenieure« eingeführt: 
überdies ist der Versuch mit einem »technisch-wirtschaftlichen Seminar« 

30 



gemacht worden, der nach den bisherigen, erst ein halbes Jahr andauernden 
Übungen gute Erfolge verspricht. Die Lehrmittelsammlung besitzt einige 
historisch interessante Modelle. 

Die Architektur und die für sie vorbereitenden Disziplinen werden 
im Rahmen eines vierjährigen Studiums gepflegt. Neben den theoretischen 
und geschichtlichen Vorlesungen wird Freihand-, Akt- und Figuren- und 
architektonisches Zeichnen getrieben. Ausserdem erhalten die Studierenden 
gründlichen Unterricht im Modellieren und eine praktische Anleitung zum 
Aquarellmalen. Der unvergleichliche künstlerische Anschauungsunterricht, 
den Prag dem jungen Architekten bietet, findet in einem späteren Abschnitt 
besondere Würdigung. 



Büchereien. 

Für das Fachstudium stehen in erster Linie die Büchereien der 
verschiedenen Institute und Seminare der Universität und tech- 
nischen Hochschule zur Verfügung, über die vorstehend im Zusammen- 
hang mit den einzelnen Disziplinen berichtet ist. Dazu tritt die im Kle- 
mentinum befindliche kaiserliche (Universitäts-)Bibliothek, die 
eine wohl ausgestattete Sammlung ist und unausgesetzt nach allen Richtungen 
sachverständig vergrössert wird. Sie führt sich auf eine in das 17. Jahr- 
hundert zurückreichende Gründung der Jesuiten zurück; als kaiserliche und 
Universitätsbibliothek besteht sie seit Maria Theresia. Das Alter dieser 
wissenschaftlichen Sammlung erklärt deren starken Besitz an Handschriften, 
•es sind beiläufig 20.000 in 3921 Handschriftenbänden, sowie an Inkunabeln, 
deren Zahl, wenn bloss die Zeit bis zum Jahre 1500 in Betracht gezogen 
wird, 1530 beträgt. Der Bücherbestand umfasst gegenwärtig 330.000 Bände; 
•dazu kommen 29.129 Kupferstiche. Im grossen Lesesaal steht eine aus- 
gedehnte Handbibliothek zur Verfügung, in einem besonderen Zeitschriften- 
zimmer liegen die letzten Nummern der wissenschaftlichen periodischen 
Organe und der allgemeinen Revuen auf. Jeder Studierende der Univer- 
sität kann auf Grund seiner Legitimation, ohne besondere Sicherstellung, 
aus der Bibliothek Bücher entlehnen. — Ausserdem sind öffentlich 
zugänglich: die Bibliothek des Museums des Königreiches Böhmen, die 
viel interessante Bohemica enthält, das kunstgewerbliche Museum der 
Prager Handels- und Gewerbekammer, das die einschlägige Literatur und 
ein bequem eingerichtetes Lesezimmer bietet. Der Landeskulturrat hat eine 
öffentliche landwirtschaftliche Bibliothek. Wertvolles Material, das sich in 
den Büchereien der Klöster und der alten Adelsfamilien Prags findet, ist 
'ohne grosse Mühe zugänglich. Auch die Bücherei des Vereins für Ge- 
schichte der Deutschen in Böhmen mit 40.000 Bänden kann bedingungs- 
weise herangezogen werden. — Eine wesentliche Förderung der Bücher- 
benutzung für die Studierenden bieten die vorwiegend wissenschaftlichen 
IBüchereien der beiden grossen studentischen Zentralvereine; 
die Lese- und Redehalle deutscher Studenten verfügt über 60.000 Bände und 
500 ausliegende Zeitungen und Zeitschriften, die Germania, Lese- und Rede- 
verein deutscher Hochschüler, besitzt 18.000 Bände und 500 ausliegende 
Zeitungen. Über andere Vereinsbüchereien s. unten. 

31 



Bedingungen für den Hochschulbesuch. 

Die Aufnahme und die Studien der ordentlichen Hörer an den öster- 
reichischen Hochschulen, sind gesetzlich und zwar gleichmässig für alle 
gleichen Anstalten der *im Reichsrate vertretenen Kronländer geregelt. 
Als ordentlicher Hörer kann nur zugelassen werden, wer an einem 
öffentlichen Gymnasium Österreichs die Reifeprüfung abgelegt hat. Für 
Ausländer hat in der Regel der Dekan zu entscheiden, ob das an einem 
ausländischen Gymnasium erworbene Maturitätszeugnis mit einem inländi- 
schen als gleichwertig zu erachten ist, während Inländer mit ausländischem 
Reifezeugnis die Anerkennung desselben seitens des Ministeriums für Kultus 
und Unterricht erstreben müssen. Bereits an irgendeiner österreichischen 
oder reichsdeutschen Universität inskribiert gewesene Hörer bedürfen nur 
des Abgangszeugnisses, der sogenannten Exmatrikel. Die Aufnahme ordent- 
licher Hörer erfolgt für das Wintersemester vom 1. bis 8. Oktober, für 
das Sommersemester vom Donnerstag nach Ostern durch 8 Tage. Dies 
ist die normale und ordentliche Inskriptionsfrist; doch kann noch durch 
8 Tage nach den angegebenen Fristen über mündliches Ersuchen der 
Dekan und späterhin auf schriftliches Einschreiten der akademische Senat 
die Bewilligung zur nachträglichen Inskription geben. (Kosten: Immatri- 
kulation 10 K, Bibliotheksbeitrag für Inländer 1 K, für Ausländer 2 K, 
Kollegiengeld pro Stunde wöchentlich und Semester 2 K 10 h). 

An gleichen Fakultäten verschiedener inländischer Universitäten ge- 
hörte Semester werden bei Einhaltung der sonstigen durch die Studien- 
ordnung bedingten Erfordernisse ohne weiteres in die ordentliche Studien- 
dauer eingerechnet. Beim Übertritte an andere Fakultäten werden gewöhn- 
lich ein (bei der juridischen) oder zwei Semester (bei der philosophischen 
Fakultät) eingerechnet. Staatsprüfungen können an verschiedenen 
Universitäten abgelegt werden; die strengen Prüfungen zur Er- 
langung des Doktorgrades (Rigorosen) sind sämtlich an derselben 
Universität abzulegen. Ausnahmsweise kann das Unterrichtsministerium die 
Fortsetzung an einer anderen Universität bewilligen. Das an österreichischen 
Universitäten erworbene Doktorat wird überall nostrifiziert. 

Über die Aufnahme von ausserordentlichen Hörern, welche 
in dem Kalenderjahre, in dem sie inskribieren, mindestens 18 Jahre alt 
sein müssen, entscheidet der Dekan; der Hörer muss nachweisen, dass 
seine Vorbildung ihn zum Besuche von Vorlesungen befähigt. 

Als ordentliche Hörerinnen können nur Inländerinnen mit 
Gymnasialmatura, als ausserordentliche Hörerinnen ebenfalls nur 
Inländerinnen, die die Maturitätsprüfung an einer Lehrerinnenbildungsanstalt 
oder an einem Mädchenlyzeum, dessen Reifezeugnis vom Ministerium als 
gleichwertig mit denen der Lehrerinnenbildungsanstalten anerkannt ist, auf- 
genommen werden. Frauen, die einzelne Vorlesungen zu hören 
beabsichtigen, können über schriftliches Ansuchen (1 K Stempel) vom Pro- 
fessorenkollegium als Hospitantinnen zugelassen werden. Einschreibgebühr 
2 K, Bibl.-Beitrag 1 K, Kollegiengeld für jede zu hörende Stunde pro 
Woche und Semester 2 K 10 h. 

Von bedeutendem praktischen Werte sind die sogenannten Univer- 
sitäts- oder Dekanatsprüfungen, die gegenwärtig in deutscher, 
englischer, französischer und tschechischer Sprache abgehalten werden. Sie 

32 



dienen zum Nachweise sprachlicher Kenntnisse. Das Dekanat der philoso- 
phischen Fakultät gibt jederzeit Auskunft über die prüfenden Dozenten, 
die ihrerseits über den bei der Prüfung verlangten Stoff Mitteilung 
machen. 

Vor Beginn des Semesters erscheint jeweilig das Vorlesungs- 
verzeichnis für das nächste Semester, vor dem Wintersemester überdies 
noch der Personalstand des Lehrkörpers, der Kommissionen, der Bibliothek 
und der Beamtenschaft der Universität. 

Die gleiche Frist, wie für die Inskription gilt auch für die Ge- 
suche um die Befreiung von der Zahlung des Kollegien- 
geldes. Zu belegen sind diese Ansuchen mit dem Mittellosigkeitszeug- 
nisse und den Studienverwendungsausweisen. Von Hörern der ersten Se- 
mester wird gefordert, dass sie das Abiturientenexamen mit Auszeichnung be- 
standen haben. Doch können Juristen auch bei nicht mit Auszeichnung 
abgelegter Matura die halbe Kolleofiensfeldbefreiunsr erlansren. 



Das studentische Vereinswesen. 

»Farbe tragen heisst Farbe bekennen«. Dieses Wort des Rektors des 
Studienjahres 1903 1904 Hofr. Prof. Dr. Rabl kennzeichnet am besten die 
Bedeutung der Prager studentischen Korporationen. Den zahlreichen Grün- 
den, auf die in anderen deutschen Universitätsstädten das traditionelle Far- 
benwesen seinen Fortbestand stützt, gesellt sich in Prag als bedeutsamster 
die nationale Mission der studentischen Organisationen. Aus diesem Grunde 
bedeutet der Beitritt zu einer Prager Kuleur ■ — die älteste begeht im näch- 
sten Sommersemester ihr 50. Stiftungsfest — in höherem Masse als 
anderwärts das Bekennen nationaler Gesinnung und muss als beson- 
ders wünschenswert bezeichnet werden. Jedenfalls muss es aber allen 
Hörern der beiden Prager deutschen Hochschulen im Interesse der 
Gesamtheit und im eigenen Interesse auf das Wärmste empfohlen werden, 
sich einem der beiden grossen studentischen Zentralvereine anzuschliessen, 
in denen die Mitglieder, die gleichfalls Band tragen, geselligen Anschluss, 
Anregung zu geistiger Betätigung und Gelegenheit zu nationaler Arbeit finden. 

Von diesen beiden Zentral vereinen ist der ältere, die »Lese- und 
Redehalle der deutschen Studenten in Prag« im Jahre 1848 
durch den Austritt der Deutschen aus dem gemeinsamen (utraquistischen) 
Studentenausschuss entstanden. Er wurde auf deutschfreiheitlicher Grund- 
lage mit dem Zwecke gegründet, die Studentenschaft in nationalem Geiste zu 
erziehen und zur Betätigung wissenschaftlicher und künstlerischer Interessen 
anzuregen, das studentische Wesen zu fördern und die allgemein studen- 
tischen Interessen zu vertreten. Zunächst bestand die Halle nur als Lese- 
verein. Erst die spätere freiheitliche Gesetzgebung ermöglichte es, den 
ursprünglichen Plan auszuführen und dem Leseverein auch eine Redehalle 
anzugliedern. Seit dem Jahre 1904 besitzt die Halle ein eigenes Haus 
IL, Krakauergasse 14, das Bibliotheksräume, einen Fechtsaal, Lesezimmer 
u. s. w. umfasst. Der Erreichung des Vereinszweckes dienen in erster 
Linie eine Bücherei, ') eine Zeitschriftensammlung und zahlreiche wissen- 

*) vergl. darüber S. 31. 

3 33 




Lese- und Redehalle. 



schaftliche Fachabteilungen. Der Mitgliedstand be- 
trägt durchschnittlich an 500. Das Mitgliedsband ist 
schwarz-rot-gold. Bis zum Jahre 1892 war die Halle 
der einzige studentische Zentralverein. In diesem Jahre 
trat der auf deutsch-völkischem (deutsch-arischem) 
Standpunkt stehende Teil der Prager deutschen 
Studentenschaft aus und gründete einen neuen Zen- 
tralverein. Seit dieser Zeit ist die Halle der Ver- 
einigungspunkt der deutschfreisinnigen Studentenschaft. 
Angeschlossen sind ihr gegenwärtig von Prager Kor- 
(|ff/ porationen: Markomannia, Moldavia, Neustädter Kol- 

legentag, Ostmark, Saxonia; mit Herzynia (Prag) be- 
steht ein Freundschaftsverhältnis. 

Die am 13. Mai 1892 gegründete »Ger man ia«, 
Lese- und Redeverein der deutschen Hoch- 
schüler inPrag ist der Zentral verein der deutsch - 
völkischen Studentenschaft und hat gleichfalls den 
Zweck, die Studentenschaft zu nationaler Arbeit, zur 
Pflege studentischen Wesens, zur Vertretung allgemein 
studentischer Interessen und zur Förderung wissen- 
schaftlicher und künstlerischer Betätigung zusammenzufassen. Auch hier 
dienen diesem Zwecke in erster Linie eine Bücherei, eine Zeitschriften- 
sammlung und zahlreiche wissenschaftliche Fachabteilungen. Die Vereins- 
räume der Germania (Bücherei, Lesezimmer etc. etc.) befinden sich im Hause 
der Mensa Academica, II., Krakauergasse 16. Der Mitgliedstand beträgt 
durchschnittlich an 700. Das Band ist schwarz-rot mit goldener Perkussion. 
Angeschlossen sind der Germania: Albia, Arminia, Carolina, Constantia, Eger- 
länder Landtag, Franken, Ghibellinia, Saxonia, Teutonia, Thessalia und die 
völkische Finkenschaft. 

Der Förderung wissenschaftlicher und künstlerischer Interessen inner- 
halb der Studentenschaft dienen neben den beiden Zentralvereinen auch 
mehrere wissenschaftliche Vereine. Eine Reihe von Organisa- 
tionen setzt es sich zur Aufgabe, die materiellen Interessen der 
Studentenschaft durch Unterstützungen verschiedenster Art zu fördern. In 
erster Linie ist hier die Wirksamkeit der Gesellschaft zur Errich- 
tung und Erhaltung eines deutschen Studentenheims und 
einer Mensa Academica zu nennen, über deren Veranstaltungen im 
nächsten Abschnitt berichtet wird. Spezifisch studentische Turn- und Sport- 
vereine gibt es gegenwärtig in Prag nicht, doch wirken die Prager Stu- 
denten sehr rege in allgemeinen Turn- und Sportvereinen ') mit. 

Von den auf deutsch-nationaler Grundlage stehenden studentischen 
Organisationen seien ausser den genannten die nachstehenden hervorge- 
hoben. Wir führen schlagwortartig neben dem Namen 1. das vertretene 
studentische Prinzip 2 ) oder den Zweck, 2. das politische Bekenntnis,') 
3. die Verbandszugehörigkeit A ) an. 



') vergl. hierüber S. 54 ff. 

2 ) konservativ = Bestimmungsmensur mit Schläger. 

3 ) d. fr. = deutschfreisinnig — d. v. = deutschvölkisch (arisch, antisemitisch). 
*) B. d. Ostm. = Burschenschaft der Ostmark (L. D. C.) 



34 



Albia, Burschenschaft, konservativ, d. v., B. d. Ostm. 

Alemannia, Burschenschaft, konservativ, d. fr. 

Akad. Ortsgruppen des Bundes der Deutschen i. B. (»Süd«, »Ost«, 
»Nord«, »West«, »Carolina«), nat. Schutzarbeit, d. v. 

Akad. Ortsgruppe des deutsch. Böhmerwaldbund., nat. Schutzarb., d. fr. 

Akad. Ortsgruppe des deutschen Böhmerwaldbundes (Stifter), nat. Schutz- 
arbeit, d. v. 

Akad. Ortsgruppe des »Salzburger Hochschulvereines«, antiklerikal, d. v. 

Akad. Ortsgruppe der »Freien Schule«, antiklerikal. 

Akad. Ortsgruppe der »Fr. deutsch. Schule«, antiklerikal-deutschn., d. v. 

Arminia, Burschenschaft, konservativ, d. v., B. d. Ostm. 

Au stria, Korps, konservativ, deutschfreiheitlich. 

Barden, Univ.-Sängersch., freischlag., d. v., Rudelsb. Kartellv. (Sängersch.). 

Carolina, akad. Burschenschaft, konservativ, d. v., B. d. Ostm. 

Constantia, Burschenschaft, konservativ, d. v., B. d. Ostm. 

Deutschak. Orschester, musikwissenschaftlich. 

Egerländer Landtag, freischlagend, d. v., Kyffhäuserverband. 

Exkursionsfond deutscher Hörer der Lehrkanzel für Elektrotechnik, 
fachl. Unterstützungs-Verein. 

Exkursionsfond (Maschinenbau), ebenso. 

Exkursionsfond (Hochbau), ebenso. 

Exkursionsfond (Architektur), ebenso. 

Exkursionsfond (techn. Chemie), ebenso. 

Ferdinande a, Verbindung, nicht schlagend, deutsch-katholisch. 

Franken, Hochschülerverband, freischlagend, d. v., Kyffhäuserverband. 

Freitischstiftung an der k. k. deutschen techn. Hochschule, Unter- 
stützungsverein. 

»Gaudeamus«, freischlagend, d. fr. 

Ghibellinia, Burschenschaft, konservativ, d. v., B. d. Ostm. 

Hercynia, Landsmannschaft, konservativ, d. nat. 

Historikerverein, wissensch. Verein, d. v. 

Markomannia, Verbindung, konservativ, d. fr. 

Neustädter Kollegentag, Verbindung, konservativ, d. fr. 

Ostmark, Burschenschaft, konservativ, d. fr. 

Pilsner Landtag, Verbindung (Moldavia), freischlagend, d. fr. 

Saxobavaria, nicht schlagend, deutsch-kath. 

Saxonia (Freya), Verbindung, freischlagend, d. v., Weidhofener Verband. 

Saxonia, Burschenschaft, konservativ, d. fr. 

S u e v i a, Korps, konservativ. 

Teutonia, Burschenschaft, konservativ, d. v., B. d. Ostm. 

Thessalia, Burschenschaft, konservativ, d. v., B. d. Ostm. 

Unterstützungsverein dürftig, deutsch. Hörer d. Philosophie, Unterst. 

Unterstützungsverein dürftiger deutscher Rechtshörer, ebenso. 

Unterstützungsverein deutscher israelitischer Univ.-Hörer, ebenso. 

Unterstützungsverein für mittellose isr. Techniker. 

Vandalia, Verbindung, nicht schlagend, deutsch-kath. 

Verband der Studierenden an der techn. Hochschule, fachl. Organisation. 

Verein deutscher Chemiker, wissensch. Verein, d. fr. 

Absti nenten schaft »Fr eil and«, d. v. 

Wagnerverein, ak., musikwissensch. 

3* 35 



Stipendien, Freiwohnungen, Freitische. 

Dem materiell ungünstig gestellten Studierenden bieten die beiden 
deutschen Hochschulen in Prag manch kräftige Hilfe und Unterstützung. 

Die mensa academica erblickt ihre vorzüglichste Aufgabe darin, 
dem deutschen Studenten in Prag die Möglichkeit zu bieten, im Kreise von 
seinesgleichen zu wohnen und seine Mahlzeiten einnehmen zu können. 
Dürftige Hörer der deutschen Hochschulen Prags erhalten im deutschen 
Studentenheime, Mariengasse 34, Freiwohnungen, besser Gestellte 
Wohnungen zu massigen Preisen. Das Studentenheim ist eine grossherzige 
Stiftung der böhmischen Sparkasse und enthält ausser grossen Versammlungs-, 
Vortrags- und Festräumen 100 Zimmer. Neben dem grossen Studenten- 
heim verfügt die mensa noch über ein zweites Gebäude in der Krakauer- 
o-asse 16, in dem ebenfalls ein Freitisch eingerichtet ist. Seitens der mensa, 
sowie der an jeder Fakultät bestehenden Freitisch-Stiftungen und Vereine 
gelangen an arme Hörer Speisemarken zur Verteilung. 

Toie Dr. Krombholzsche Krankenstiftung gewährt jedem 
mittellosen erkrankten Studierenden freie ärztliche Behandlung, Medikamente 
und freie Aufnahme ins allgemeine Krankenhaus. 

Studierende, denen die Erlangung eines Stipendiums oft deshalb nicht 
möglich ist, weil sie noch keine wissenschaftliche Verwendung an der 
Universität nachzuweisen im Stande sind, hauptsächlich solche, die im ersten 
Semester ihrer Studien stehen, können über ihr Ansuchen vom Rektor aus 
einer anlässig des 60 jährigen Regierungsjubiläums ins Leben gerufenen 
Stiftung eine monatliche Unterstützung erhalten. 

Alljährlich zu Beginn des Wintersemesters gelangen die Unter- 
stützungen zur Ausschreibung, welche wackere deutsche Städte und 
Bezirksausschüsse für die deutschen Studenten Prags gewidmet haben ; 
im o-anzen stehen 15 Stipendien zwischen zwei- und sechs Hundert Kronen 
auswiesen Mitteln zur Verfügung. Die jährlich ausgezahlte Summe aus 
diesen Stiftungen erreicht 5000 K. 

Ziemlich gross ist der Anteil der Hochschulen an den seitens der 
Statthalterei vergebenen sog. freiverleihbaren Stipendien. Auch die Univer- 



Deutsches Studentenheim. 




Marien gasse 34. 



36 



sität schreibt zahlreiche und hohe Stiftungen aus, deren Verleihungsrecht 
teils dem akademischen Senate, teils den einzelnen Fakultäten zusteht. Es 
seien hier erwähnt die Hofrat Ullrichstiftung mit 20 Stipendien zu 340 K, 
die Perutz und Beerstiftungen für Juristen mit 4 Stipendien zu 500 K, die 
Erdmannschen Stiftungen mit 10 Stipendien zu 600 K u. a. m. Wie kräftig 
die Unterstützung der Studierenden mit Stiftungen ist, mag daraus erhellen, 
dass im Studienjahre 1907/08 die bedeutende Summe von 88 652 Kronen 
zur Verteilung gelangte. Absolvierte Rechtshörer, die sich nach 
Ablegung der Staatsprüfungen dem Staatsdienste in Böhmen widmen, kön- 
nen über Ansuchen an den Rektor für die erste Dienstzeit ohne Adjutum 
Unterstützungen erhalten. — Für bedürftige Doktoranden der juri- 
stischen und medizinischen Fakultät besteht die Dr. Justsche Promotions- 
stiftung, die jährlich 5 Stipendien in Höhe der Promotionskosten verleiht 

Wohnung und Mittagbrot 

Wohnungen finden die Studierenden ausser im bereits genannten 
Studentenheime bei zahlreichen deutschen Familien, die sich mit dem Ver- 
mieten von Zimmern befassen; freie Zimmer werden durch Anschlagzettel 
am Tor des Hauses angezeigt. Der Preis der Studentenwohnungen ist 
schwankend, jedoch nicht hoch, da es üblich ist, zu zweit zu wohnen. Ein 
Zimmer stellt sich mit Bedienung auf 24—32 K. Viele Familien nehmen 
Studierende in volle Verpflegung, dann schwankt der Preis der Wohnung 
samt Verpflegung zwischen 50 und 100 K. Die Wohnungen können zu 
jedem 1. und 15. des Monats nach vorhergegangener vierzehntägiger Kündi- 
gung verlassen werden. Der Mietzins wird in der Regel auf einen Monat 
im voraus gezahlt. Der Mittagtisch in den Gasthäusern sowie bei Familien 
kostet 70 h bis 1 K, für bescheidenere Ansprüche finden sich auch Mittag- 
tische für 56 bis 60 Heller. 100 Kronen monatlich gelten als wohl aus- 
kömmlicher Wechsel. Auskünfte über freie Wohnungen geben die Aus- 
kunftstelle des deutschen Ortsrats Prag, Graben 26, die studentischen Zen- 
tralvereine, die Hausmeister der Hochschulgebäude, namentlich des Caroli- 
nums und Clementinums, und manche Wohnungskanzleien, z. B. Weinberge, 
Haiekgasse 1. Beliebte Studentengegenden sind: In der obern Neustadt 
(Sokol-, Tabor-, Halek-, Tyrsch- und Wenzig- Gasse), Weinberge (Havlicek-, 
Halek-, Karls-, Wawra- Gasse). 



Mensa academica. 
Krakauergasse 16. 




Vereinsräume der Germania. 



37 




Das deutsche Haus. 



Das deutsche Leben in Prag. 

Das deutsche Geistesleben. 

Unsere anspruchslose Schilderung des geistigen Lebens der Deutschen 
Prags sucht nicht in die Tiefe zu schürfen und es wird auch nicht der 
Versuch gemacht, die historische Entwicklung und die inneren Zusammen- 
hänge der geistigen Kultur der Deutschen darzustellen. Zu einer Arbeit 
dieser Art fehlt es an allen Vorarbeiten. Wir wissen sehr wenig darüber, 
wie die verschiedenen Mensch heits- und Kulturprobleme, die gerade in 
dieser Stadt im Laufe der Jahrhunderte die Gemüter erregt, und die halb 
Europa zu freund- oder feindlicher Stellungnahme zwangen, auf das Prager 
Deutschtum eingewirkt haben. Wer vermöchte auf dem Räume von ein 
paar Seiten das Gegenspiel all der nationalen, politischen und sozialen 
Verhältnisse zu erfassen, wer vermöchte hier die Einwirkung der religiösen 
und philosophischen Bewegungen auf den deutschen Teil der Bewohner 
Prags darzulegen, und wer könnte es versuchen, hier die Stellung des 
Deutschtums zum Slaventum, wenn auch nur in groben Umrissen zu 
charakterisieren? Unsere Darstellung muss auf eine Aufzählung der hervor- 
ragendsten Anstalten, Korporationen und Vereine hinauslaufen, die mit dem 
geistigen Leben der Deutschen in Verbindung stehen, und in denen dieses 
Leben seine Zusammenfassung findet. 

Den natürlichen Mittelpunkt der gesammten geistigen Kultur des 
Landes bilden zwar die beiden Hochschulen, Universität und Technik. Der 
Student, der nach Prag kommt, muss aber nicht fürchten, etwa vollständig 
vereinsamt dazustehen, wenn er den akademischen Boden verlässt. Wohin 
er seine Blicke wenden mag, wird er frisches, kampfesfrohes und zukunft- 
freudiges Streben sehen, und wozu auch immer ihn Beruf und Neigung 



38 




Entwurf zum Neubau des Deutschen Hauses von Josef Zasche. 

zieht, er wird rasch einen Kreis gleichgesinnter Menschen, an die er sich 
anschliessen kann, und aller Art Organisationen zur Pflege der geistigen 
und materiellen Kultur vorfinden. Er wird nicht ohne Verwunderung er- 
kennen, was zähe deutsche Ausdauer sich in Jahrhunderte langer Arbeit 
an Schutz und Bollwerken mitten im Herzen eines slavischen, von Deutschen- 
hass durchglühten Gebietes geschaffen hat. 

Wenn auch die tschechischen Machthaber der Stadt alles Erdenkliche 
anwenden, um die deutschen Schulen zu schädigen und zu unter- 
drücken, so hat die alt-erbeingesessene deutsche Bevölkerung der Stadt 
doch noch Lebenskraft genug, um für die heranwachsende Jugend die 
notwendigen Schulen zu erhalten. In Prag selbst bestehen vier öffentliche 
vollständige Volksschulen, in den Vororten Karolinental, Smichow, Weinberge, 
Zizkow je eine solche Schule. Doch genügen diese öffentlichen Anstalten, 
denen von Seite der tschechischen Gemeindeverwaltungen keinerlei Gunst 
und Förderung zu Teil wird, durchaus nicht für den deutschen Nachwuchs. 
Neben vielen privaten und konfessionellen Schulen in Prag erhält deshalb 
der Prager Deutsche Schulerhaltungsverein in den Vorstädten drei Volks- 
schulen und eine Mädchenbürgerschule; dieser Verein hat seit 1896 die 
Aufgabe des „Deutschen Schulvereins" für das Gebiet von Prag übernommen, 
und führt sie mit grossen Opfern erfolgreich durch. Ja, das Prager 
Deutschtum ist kräftig genug, um auch an die Zentrale des „Deutschen 
Schulvereins" in Wien, der das Deutschtum ganz Österreichs betreut, 
jährlich noch namhafte Summen abzuführen. Die Prager deutschen Schulen 
werden von tausenden Kindern besucht. Der Deutsche Schulerhaltungs- 
verein und zahlreiche andere Vereinigungen, darunter besonders der 
Deutsche Schulpfennigverein, sorgen auch für die Erhaltung deutscher 
Kindergärten. Seit fünfundzwanzig Jahren besteht ein Verein deutscher 
Ferienkolonien, der in Deutschböhmen in den schönsten Gegenden eigene 



39 




Neues deutsches Theater. 



Heime für seine Schützlinge unterhält. Bisher hat dieser Verein allein an 
Verpflegskosten für seine Kinder weit über eine halbe Million Kronen 
durch freiwillige Spenden aufgebracht. Im Jahre 1901 hat sich vom 
Deutschen Pädagogischen Vereine der Deutsche Verein zur Pflege von 
Jugendspielen abgelöst. An deutschen Mittelschulen und ähnlichen Anstalten 
besitzt Prag: sechs Gymnasien, vier Realschulen, eine Lehrer- und eine 
Lehrerinnenbildungsanstalt, das von einem Vereine erhaltene vorzüglich ge- 
leitete Deutsche Mädchen-Lyceum mit einem Mädchengymnasium; ferner 
eine seit mehr als einem halben Jahrhundert bestehende Deutsche Handels- 
akademie mit einem einjährigen Kurse für Mittelschulabsolventen. 

Das Prager Konservatorium für Musik, die Malerakademie 
und die Kunstgewerbeschule sind utraquistisch, d. h. die Lehrkräfte 
sind verpflichtet, die Schüler in ihrer Muttersprache, also auch deutsch, zu 
unterrichten. Dasselbe Prinzip wird bei verschiedenen Fachschulen, wie 
der Brauereischule usw. gehandhabt. Eine Gruppe jüngerer deutscher Künstler, 
die sich in der Kunstwelt eines guten Namens erfreuen, hat nach dem 
Muster ähnlicher Unternehmungen in München, Wien, Dresden usw. 
Lehrateliers und Werkstätten für Kunst und Kunstgewerbe 
ins Leben gerufen. 

Das Königliche Deutsche Landestheater in Prag gehört in 
künstlerischer Beziehung zu den ersten deutschen Bühnen. Demselben steht 
neben dem 1783 eröffneten Hause des Landestheaters auch das grössere 
moderne Neue deutsche Theater zur Verfügung, das der verdienst- 
volle Deutsche Theaterverein geschaffen und 1888 eröffnet hat. Gegen- 
wärtig werden besonders auf dem Gebiet der Oper allgemein anerkannte 
Leistungen geboten. Doch auch das klassische und moderne Drama, das 
Lustspiel und alle kleineren Formen der dramatischen Kunst werden am 
Prager deutschen Theater gepflegt, und zyklische Aufführungen, wie der 
sämtlichen Dramen von Schiller, Goethe, Grillparzer, Hebbel usw. haben 
gewiss viel dazu beigetragen, das Publikum für die edlere dramatische 



40 



Das Königliche 

deutsche 
Landestheater. 




Erbaut in den Jahren 
1781—1783. 



Kunst zu erziehen. Die Maifestspiele, die in Prag seit zehn Jahren veran- 
staltet werden, finden jetzt an vielen deutschen Theatern Nachahmung. Die 
Bildungswerte, die das Theater bieten kann, werden aber auch den materiell 
minder gut gestellten Schichten zugänglich gemacht, was sich in den zahl- 
reichen volkstümlichen- und Arbeitervorstellungen kund gibt. Das Deutsche 
Volkstheater in der Prager Vorstadt Kgl. Weinberge ist eine Sommer- 
bühne, die neben leichter Ware gelegentlich auch Gediegeneres bietet. Das 
Deutsche Vereinstheater ist eine Dilettantenbühne, die zur Verbrei- 
tung der Lust und Liebe an der dramatischen Kunst viel getan hat. 

Das deutsche Zeitungswesen Prags nimmt eine ansehnliche 
Stellung ein. Die Zeitungen, vor allem die beiden Tagesblätter „Bohemia" 
und „Prager Tagblatt", sind nicht blosse Nachrichtenblätter, sondern sehen 
immer auf eine gute literarische Haltung, und die deutschen Journalisten 
Prags halten an den lang erprobten Traditionen fest. Politisch stehen die 
beiden Blätter im deutschfreiheitlichen Lager, ebenso das „Montagsblatt aus 
Böhmen". Die deutsch radikale Partei hat ein Wochenblatt („Deutscher 
Volksbote"), die deutschagrarische Partei eine zweimal wöchentlich er- 
scheinende Zeitung („Deutsches Agrarblatt")- Sehr alten Ursprunges ist das 
Regierungsblatt „Prager Zeitung" mit „Prager Abendblatt". Eine Prager 
Spezialität ist ein täglich erscheinendes tschechisches Blatt in deutscher 
Sprache, die „Union". 

Zahlreiche deutsche Dichter, Schriftsteller und Publizisten leben 
in Prag und viel mehr noch haben hier ihre Entwicklung durchgemacht 
und bilden, in alle deutschen Lande zerstreut, trotz aller Unterschiede ihrer 
Bestrebungen, eine literarische Gemeinde, zu deren Zusammenfassung die 
Monatsschrift Deutsche Arbeit der Gesellschaft zur Förderung deutscher 
Wissenschaft, Literatur und Kunst in Böhmen viel beigetragen hat. Die 
Zentrale des deutschen literarischen Lebens der Stadt ist der 
deutsche Schriftsteller- und Künstlerverein Concordia. Durch ihre Vortrags- 
zyklen hat diese Künstlervereinigung im Laufe der letzten Dezennien dem 
Prager Publikum die persönliche Bekanntschaft mit den hervorragendsten 
Vertretern der deutschen Literatur, Kunst und Wissenschaft vermittelt, und 



41 



sie hat auf diese Weise das deutsche Prag in innigen Kontakt mit dem 
modernen Leben Deutschlands gebracht. Im Jahre 1904 wurde in Prag 
der Dürerbund in Österreich gegründet, der dieselben Tendenzen vertritt 
wie sein Stammverein in Deutschland. In Prag betätigt sich der Dürer- 
bund hauptsächlich auf musikalischem Gebiet, doch hat er im Laufe der 
Jahre verschiedene wertvolle Publikationen herausgegeben und literarische 
Vorträge veranstaltet. Sein hauptsächlichstes Betätigungsgebiet, die Einfluss- 
nahme auf den Schutz der natürlichen Landschaft, auf die Erhaltung der 
guten alten Baudenkmäler und auf gutes modernes Bauen ist in Prag aller- 
dings sehr eingeschränkt, da die Deutschen in dieser Stadt keinerlei Ein- 
fluss auf die öffentlichen Angelegenheiten haben. Desto mehr wirkt der 
Bund belehrend und aufklärend in den deutschen Gebieten Böhmens und 
ganz Österreichs. Seine nächste grössere Aktion ist die Organisation der 
modernen Heimatschutzbewegung in Deutsch -Österreich und die Errichtung 
eines Naturschutzparkes in Deutsch-Böhmen. Es gibt endlich noch ver- 
schiedene kleinere Vereinigungen, die dazu beitragen, das Interesse an der 
Beschäftigung mit literarischen Dingen in Prag zu wecken und zu pflegen. 

Unter den wissenschaftlichen Vereinigungen steht die 
deutschböhmische Akademie voran. Sie besteht seit 1891 als Gesellschaft 
zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen und 
verwendet nach Akademieart ihre namhaften Mittel in umfassender Weise 
dazu, das gesamte deutsche Geistesleben zu befruchten. Seit 1902 veran- 
stalten die deutschen Hochschulen in Prag auch vielbesuchte deutsche 
volkstümliche Hochschulkurse. In das Jahr 1862 fällt die Gründung des 
Vereines für Geschichte der Deutschen in Böhmen. Nicht viel jünger ist 
der Deutsche polytechnische Verein in Böhmen. Eine umfassende Tätigkeit 
entwickelt der Deutsche Verein zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse 
in Prag. Er gibt eine Vortragsammlung heraus und hat bisher gegen 15 000 
Volksbüchereien mit mehr als 60000 Büchern unterstützt. Ebenso wie die 
genannten Vereine hat auch der Naturwissenschaftlich-medizinische Verein 
Lotos seine eigenen Vereinsmitteilungen und veranstaltet populärwissen- 
schaftliche Vorlesungen, die allgemein zugänglich sind. Wissenschaftliche 
Vereinigungen ähnlicher Art gibt es in Prag noch gar manche, doch würde 
es zu weit führen, sie alle namentlich anzuführen. 

Auch an politischen, nationalen und wirtschaftlichen 
Vereinen fehlt es natürlich nicht. Prag ist der Sitz der Parteileitungen 
und der politischen Vereinigungen der grossen Parteien des Landes. Ganz 
besonderes Interesse für die Studentenschaft haben die deutschen Schutz- 
vereine, von denen einzelne hier ihre Bundesleitungen besitzen. Die 
mächtigste Organisation dieser Art ist der Bund der Deutschen in Böhmen, 
mit sechs Hundert Ortsgruppen und weit über sechzig Tausend Mitgliedern. 
Er entfaltet eine weitausgedehnte Tätigkeit auf nationalem Gebiete durch 
Förderung geistiger und wirtschaftlicher Interessen aller Kreise und Stände 
des deutschen Volkes in Böhmen. Der Bund steht auf völkischer, d. h. 
antisemitischer Grundlage. Freiheitlich, d. h. nicht antisemitisch, sind die 
übrigen deutschen Schutzvereine, die in Prag zahlreiche Ortsgruppen haben, 
darunter vor allem der Deutsche Schulverein und der Deutsche Böhmerwald- 
bund neben zahlreichen landsmannschaftlichen Schutzvereinen. Im Jahre 
1893, als die systematischen Verfolgungen alles Deutschen in Prag mit 
erneuter Macht einsetzten, wurde zur gemeinsamen Abwehr der Deutsche 

42 



Verein für städtische Angelegenheiten gegründet. Jahrelang hielt ihn die 
leidige Strassentafelaffäre in Atem. Er hat aber auch positive Arbeit ge- 
leistet. So hat er die Prager deutsche Armenpflege vorzüglich organisiert 
und eine Krankenkasse für die Dienstboten seiner Mitglieder errichtet. Er 
hat neuestens gemeinschaftlich mit dem Landesverbände für Fremdenverkehr 
in Deutschböhmen im deutschen Hause eine Auskunftstelle errichtet, die 
nicht nur den Fremden, sondern auch den Prager Deutschen zugute 
kommen wird. Eine wichtige nationale Organisation ist der Deutsche Hand- 
werkerverein, der ebenso wie der städtische Verein vieles leisten muss, was 
sonst in das Wirkungsgebiet der Gemeindeverwaltung fällt; so die Er- 
haltung einer gewerblichen Fortbildungsschule, einer deutschen Herberge usw. 
Eine Neugründung ist der Deutsche Verein für Lehrlingsfürsorge in Prag. 
Auch die wirtschaftliche Organisation aller anderen Standesgruppen ist voll- 
ständig auf nationaler Grundlage aufgebaut. Ihre Vereinigung bildet der 
Prager Ortsrat des deutschen Volksrates für Böhmen. Das deutsche Wirt- 
schaftsleben Prags verfügt auch über seine eigenen Geldinstitute. Vor 
allem die Zentralbank deutscher Sparkassen. Ein mächtiges Geldinstitut ist 
die Böhmische Sparkassa. Sie verwendet satzungsgemäss einen beträcht- 
lichen Teil ihres grossen jährlichen Reingewinns für humanitäre Zwecke 
in Prag, woran auch das Deutschtum in angemessener Weise teilnimmt. 
Eigene Zweige der sozialen Fürsorge pflegen die Zentralstelle für deutsche 
Waisenpflege und Jugendfürsorge in Böhmen, die Deutsche Landeskommission 
für Kinderschutz und Jugendfürsorge in Böhmen, der Deutsche Landes- 
hilfsverein für Lungenkranke in Böhmen und der Prager Volkswohnungs- 
verein. Auch die zahlreichen Prager deutschen Frauenvereine arbeiten viel- 
fach auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege. Seiner notleidenden Lands- 
leute nimmt sich der Hilfsverein deutscher Reichsangehöriger in Prag an. 
Deutsche Unterhaltungs- und Geselligkeitsvereine 
gibt es in Prag eine ganze Reihe. Zunächst das Deutsche Kasino, das den 
Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens des Deutschtums der Stadt bildet 
und Besitzerin des Deutschen Hauses am Graben ist. Prag ist auch die 
„Allmutter" der Schlaraffia, des der heiteren Kunst und der Wohl- 
tätigkeit gewidmeten Vereines, der sich von hier aus die ganze Welt 
erobert hat. Viele andere Unterhaltlingsvereine wären noch zu nennen, 
von denen jeder einen bestimmten Kreis der deutschen Bevölkerung um- 
fasst. In der Wintersaison veranstalten alle diese Vereine und zahlreiche 
andere selbständige Komitees Bälle, Kränzchen u. s. w.; Frühjahr und 
Sommer gehören dann den Gartenfesten, die in verschiedener Gestalt all- 
jährlich wiederkehren. 



44 



Blick aus dem Lustschloss Belvedere auf die Burg. 



Das musikalische Prag. 

Wie in der bildenden Kunst, so ist auch in der Musik Prag eine Stätte 
deutscher Kultur. Vom deutschen kirchlichen und Minnegesang des Mittelalters, 
bis herauf zur dramatischen, symphonischen und Kammermusik unserer Tage, 
die ja unter deutscher Führung stehen, hat Prag stets einen lebhaften Widerhall 
geboten. Die Zeit Rudolfs II. bedeutet auch für die Musik in Prag eine be- 
sondere Blüte. Niederländer und Deutsche werden herangezogen, in der 
Prager Druckerei des Nigrin(i) erscheinen deutsche Lieder von Regnart u.a. 
Im 18. Jahrhundert haben hier berühmte deutsche Instrumentenmacher ihren 
Sitz, der Orgelbauer Beer, die Lauten- und Geigenmacher Edlinger und 
Eberl. Gottfried S t ö 1 z e 1 schreibt seine deutschen Opern für die Prager Bühne, 
1723 findet die denkwürdige Aufführung der Festoper Costanza e Fortezza 
von dem Hofkapellmeister Fux, einem gebürtigen Steirer, statt, zu der 
die Komponisten aus deutschen und wälschen Landen zusammenströmen, 
zum Teil sogar im Orchester mitwirken. Habermann aus Königswart 
schreibt hier seine geistlichen Opern und sonstige kirchliche Musik. Weiteren 
Kreisen bekannt sind die Beziehungen Mozarts zu Prag, das sich der 
Uraufführungen von Don Giovanni und La clemenza di Tito rühmen darf. 
Das 19. Jahrhundert findet Karl Maria von Weber als Opern- 
kapellmeister in Prag. Wagners symphonisches Jugendwerk erlebt hier 
seine Aufführung. Die einheimischen deutschen Meister Friedrich Dionys 



45 



Weber, Kittl (beide durch viele Jahre Direktoren des Konservatoriums), 
Proksch (Begründer einer berühmten, noch heute bestehenden Klavier- 
schule), bewährte Lehrer der verschiedenen Instrumente am Konservatorium 
(vor allem der einheimische Geigenvirtuose Moritz Mildner, der ganze 
Generationen von namhaften Geigern herangebildet hat) bilden ebensoviele 
Ruhmesblätter im Kranze deutschböhmischer Kunst. Moscheies, Hans- 
lick, Porges, Rückauf u.a. waren gebürtige Prager. Auch die Blüte 
der tschechischen Musik in der ersten Hälfte des 18. und der zweiten 
Hälfte des 19. Jahrhunderts ist ein Zeugnis für die Befruchtung dieses 
slawischen Zweigs durch den steten und engen Verkehr mit deutscher 
Tonkunst. In einer Zeit, die mit Vorliebe den Blick zur geschichtlichen 
Forschung rückwärts wendet, muss daher Prag einen besonders günstigen 
Boden für die wissenschaftliche Beschäftigung mit musikalischen Fragen 
darbieten. Wie die deutsche Bevölkerung Böhmens und daher auch Prags 
aus Angehörigen von nord- uud süddeutschen Stämmen gemischt ist, so 
ist sie dadurch auch vorzüglich in den Stand gesetzt, dem musikalischen 
Schaffen nördlicher und südlicher Provenienz eine liebevolle Würdigung 
zuteil werden zu lassen. Einer der bedeutendsten Musikhistoriker des 19. 
Jahrhunderts (A. W. Ambro s) hat noch in Prag die drei Bände seiner Musik- 
geschichte gearbeitet, und durch ihn war dann auch das Fach der Musik- 
geschichte (bis zu seiner Übersiedlung nach Wien) vorübergehend an der 
Prager Universität vertreten. Neben dem nunmehr ständig eingerichteten 
musikwissenschaftlichen Betrieb (s. S. 22) wird an den deutschen Hoch- 
schulen Prags auch die praktische Musik gepflegt. So ist der gegenwärtige Lektor 
für Harmonielehre und Chorgesang, der den Titel Universitätsmusikdirektor 
führt, zugleich Chormeister der Universitätssängerschaft „Barden". 
Dieser Verein gibt selbständige Veranstaltungen, Konzerte, Liedertafeln u. s. f. 
und wirkt bei den akademischen Feierlichkeiten mit. Er ist Mitglied des grossen 
deutschen Sängerbundes in Böhmen, und sein Chormeister ist Bundesobmann. 
Dieser Bund steht wieder mit den reichsdeutschen Bünden in enger Fühlung. 
Für die Mächtigkeit des deutschen Sängerbundes in Böhmen möge die Angabe 
sprechen, dass der Bund in 10 Gauverbänden 225 Vereine mit 64 14 Sängern um- 
fasst, in welcher Zahl aber noch nicht alle deutschböhmischen Gesangvereine in- 
begriffen sind. Unter den akademischen Vereinen befindet sich ausserdem 
ein „Prager deutschakademisches Orchester", welches einen 
grossen Streichkörper und einen Teil der Blasinstrumente aus akademischen 
Bürgern stellt und schon öffentliche Aufführungen mit Gelingen veran- 
staltet hat. Die Deutschen Prags pflegen mit viel Liebe die Hausmusik, 
und für den deutschen Studenten ist es nicht schwer, Anschluss an 
ein Quartett zu finden. 

Hier wäre auch zu erwähnen, dass die schon genannte Gesell- 
schaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und 
Literatur in Böhmen auch für das deutsche Musikleben in Prag und 
Böhmen von Bedeutung ist. Sie unterstützt nicht nur schaffende Ton- 
künstler, sei es durch unmittelbare Zuwendungen oder durch Subven- 
tionierung von Aufführungen ihrer Werke, sondern fördert auch die Ziele 
der Musikwissenschaft, indem für derartige Arbeiten Reisestipendien, Druck- 
kostenbeiträge u. dgl. gewährt werden, was wiederholt Absolventen der 
musikwissenschaftlichen Studien unserer Universität zugute gekommen ist. 



46 



Diesen Bestrebungen dient auch das bereits genannte Organ der Gesell- 
schaft „Deutsche Arbeit". 

Das Studium dieses Wissenszweiges an der Universität, das, wie wir 
gesehen haben, schon an der Hochschule auch praktisch-musikalische An- 
regungen erfährt, wird ergänzend gefördert durch die in der Landeshaupt- 
stadt gebotene Gelegenheit, gute klassische und moderne 
Musik zu hören, allenfalls sich praktisch in der Behandlung der In- 
strumente oder in der Kompositionslehre weiter auszubilden. Die deutsche 
Landesbühne pflegt Oper und Singspiel mit tüchtigen Kräften, die 
häufig von hier aus ihren Weg an die grossen Hofbühnen finden. Das 
Orchester des Landestheaters wird ausserdem in philharmonischen 
Konzerten verwendet, die von der Theaterleitung im Theater selbst ver- 
anstaltet werden. Hie und da finden auch ausserordentliche oder Gast- 
symphoniekonzerte statt (Orchester der deutschen Musikervereinigung und 
auswärtige). Die Pflege des Oratoriums liegt in den Händen des deutschen 
Singvereines mit seinem stattlichen gemischten Chor. Auch einige von 
den deutschen Männergesangvereinen haben einen Damenchor. Für 
Aufführungen aus dem Bereiche der Kammermusik ist der deutsche 
Kammermusikverein von ausschlaggebender Bedeutung. Er bietet 
gegen einen massigen Mitgliedsbeitrag den Genuss von jährlich acht 
Konzerten, deren Programme abwechselnd von den bedeutendsten Quartett- 
vereinigungen Europas bestritten werden. Ausserdem finden Virtuosen- 
konzerte statt, die meist zweisprachig angekündigt werden. Dies gilt 
auch von den Konzerten des Konservatoriums, in welchen das Zög- 
lingsorchester unter Leitung des Anstaltsdirektors symphonische Programme 
durchführt. An dieser nunmehr bald 100 Jahre alten Musikschule wird, 
wie schon erwähnt, zweisprachiger Unterricht in allen Orchesterinstrumenten, 
sowie in Gesang und Klavier erteilt, dessen Fortschritte auch in einer 
Reihe von öffentlichen Schülerabenden und Schlussproduktionen vorgeführt 
werden. Endlich ist Prag auch der Sitz einer staatlichen Prüfungs- 
kommission für das Lehramt der Musik an Mittelschulen, die 
über diesen nächsten Zweck hinaus für den Befähigungsnachweis zum 
Privatmusikunterricht von Bedeutung ist. 




47 




Palais Czernin von Francesco Coratti. 



Prag als Kunststätte. 

Gotik, Renaissance und alle Phasen des Barocks haben Alt-Prag ge- 
schaffen und zwar so harmonisch, dass es uns wie eine willkürliche 
Schöpfung erscheint. Die romanische Kunst hat nur wenige Reste 
hinterlassen: drei einander gleiche Rundkapellen (in der Postgasse, am 
Wyschehrad und in der Stephansgasse) und die Georgskirche am Hrad- 
schin, eine dreischiffige Basilika aus dem XII. Jahrhundert mit Wand- 
gemälden derselben Stilepoche. 

Am Ende des XIII. Jahrhunderts war die Gotik mit der Agnes- 
kirche in Prag eingedrungen: romanische Kapitale in dem einschiffigen 
Langhaus sind das letzte Leben der älteren Kunst in einem neuen Stil. 
Frankreich und Deutschland haben ihn grandios entwickelt, und seinem 
Wachstum verdanken wir den Veitsdom am Hradschin, die Stiftung 
Karl IV., eine wunderbare Schöpfung deutscher und französischer Kunst. 
Aus dem französischen Kapellenkranze schiesst von weitspannenden Strebe- 
bögen getragen der Chor Peter Parlers empor und führt durch seine 
reichen, hohen und weiten Fenster alles Licht in das Schiff zu wunder- 
samem Kontrast mit dem Düster, das hinter den mächtigen Säulenbündeln 
aus dem Kapellenkranze in den Chorumgang tritt. Dreissig Jahre arbeitete 
Peter Parier an dem Chor und schuf unterdessen noch die merkwür- 
dige Kirche am Karlshof, deren achteckigen Bau er mit einem kühnen Stern- 
gewölbe überspannte, die Karlsbrücke und den Altstädter Brückenturm. — 
Die Hallenbauten der Heinrichskirche undderÄgidienkirche, das Emaus-Kloster 
und seine Kirche, der Kreuzgang der Jakobskirche, die Kirche bei Mariaschnee 
u. m. a. sind Schöpfungen derselben Zeit. Ein reichgegliedertes Portal 
und die hohe reiche Schauseite mit den prachtvollen Masswerkflammen und 
den beiden Türmen machen die Teynkirche zu einer der bedeutendsten 
Schöpfungen der gotischen Architektur in Österreich. Von den übrigen 
religiösen Bauten dieser Zeit sei die originelle zweischiffige Altneusynagoge 
mit ihrer seltsamen Ausstattung hervorgehoben. 

48 



Von den Profanbauten aus der zweiten Hälfte des 
XIV. Jahr h un der ts erhielten sich ausser dem genannten Brückenturm 
und der Karlsbrücke nur der an die kraftvolle Schönheit der Arbeiten 
Parlers reichende Erker am Karolinum und die zierliche Erkerkapelle am 
Rathaus; in der Nähe Prags die Burg Karlstein, deren Restaurierung leider 
misslungen ist. 

Bravouröse Leistungen der Spätgotik sind die Bauten des Königs 
Wladislaw. Der 1502 vollendete Huldigungssaal auf der Burg ist der be- 
deutendste Saalbau dieser Zeit in Süddeutschland und Österreich ; sein reich- 
verschlungenes Netzgewölbe und die grossen breiten Fenster sind typisch 
für das Ende der Gotik. Das letzte kirchliche Lied des Stils singt das 
Wladislawsche Oratorium im Dom; auf knorrigen vielverzweigten Ästen 
ruht sein Gewölbe, reich verschlungenes Geranke umwuchert den Balkon. 
Solche wulstige Zier finden wir auch am Pulverturm, einer Nachahmung 
des Altstädter Brückenturms, dessen kraftvolle Schönheit er nicht erreicht 
hat. Mehr Eigenart und Stimmung haben die köstlichen Kleinseiten er 
Brückentürme. Mit gotischen Zierrippen und Fenstern hat man noch lange 
im XVI. Jahrhundert Renaissancewerke geschmückt, so die Hof- und Kriegs- 
kanzlei und die Landtagsstube auf der Burg. 

Die Renaissance schenkte Prag das 1538 — 1552 erbaute Lust- 
schloss Belvedere, den schönsten italienischen Bau nördlich der Alpen. 
Die heitere Pracht seiner Arkaden ist ohnegleichen. Aber sein pla- 
stischer Schmuck wird noch übertroffen durch die Stuckdekorationen in 
dem kuriosen Schloss Stern, dessen sechsstrahliger Bau nach dem launigen 
Einfall des damaligen Statthalters Erzherzog Ferdinand errichtet wurde. 
Rudolf II. (1576 — 1612) baute das Ballhaus (im Kaisergarten); seine Sgraf- 
fitogemälde sind leider sehr verwaschen. Von der kleinen Schlosstiege 




Altstädter Ring mit Teynkirche. 



49 



erhebt sich burgartig das Pal. Schwarzenberg viergeschossig über einem 
mächtigen Unterbau; seine Giebelformen kehren in vielen Variationen auf 
zahlreichen Bauten in der Stadt wieder, so am ehemaligen Pal. Slawata 
unter der grossen Schlosstiege, auf dem Turm am Wenzelsplatz u. a. v. a. 
Gotische Nachklänge in der Renaissance geben Fenster und Giebel an der Süd- 
seite des Rathauses und die Fenster des Hauses Nr. 5 am Grünmarkt. Köstliche 
Arkaden haben sich erhalten im sgraffitoreichen Teynhof, im Hof des Hauses 
Nr. 45 in der Langengasse, im Hause Nr. 1 am Petersplatz, wuchtiger im Hause 
Nr. 15 Melantrichgasse. Andere Reste — das W-Portal der Georgskirche 
aus dem Anfang des Jahrhunderts und das schöne Bärentor im Ledergäss- 
chen. Am Ende des Jahrhunderts bauten die Jesuiten die Salvatorkirche 
über gotischem Grundriss im übrigen nach italienischem Vorbild. 

Der italienische Barock und italienische Architekten herrschen 
über die Prager Baukunst im XVII. Jahrhundert. Die Igna- 
ziuskirche am Karlsplatz leitet ihre Werke ein; ihre zusammengedrückten 
Seitenschiffe ermöglichen eine enggeschlossene Wirkung nach aussen. Ihre 
Dekorationsmotive wiederholen sich am Waldsteinpalais, einer Schöpfung 
vom Anfang des dreissigjährigen Krieges. Seine lang entwickelte Front 
trägt eine trotz aller Schwere hohe Eleganz, vergleicht man Profan-Bauten 
wie das Burgtor v. 1614. Über den Toren, in den Korridoren und in den 
im alten Zustand erhaltenen Sälen und Zimmern zeigt sich der »Beschlag-« 
und »Ohrwaschelstil« der Zeit. Eine Sala terrena von riesigen Dimen- 
sionen öffnet sich mit mächtigen Arkaden gegen den Garten des Palastes; 
selten sind Fürstenmacht und -glänz durch einen Architekten so grandios zum 
Ausdruck gebracht worden. Ein anderes Zeugnis für die grossartige Bau- 
tätigkeit des Adels während des Krieges gibt das ehemalige Palais Michna, 
das jetzige Zeughaus, am Aujezd. Der Baumeister von S. Maria della 
Vittoria (auf der Kleinseite) hat sich eng an das römische Vorbild gehalten. 
Ein bedeutenderes Schaustück bietet die Prunkseite des Klementinums gegen 
die Kreuzherrengasse; auch der Bibliothekssaal gehört zu den schönsten 
Leistungen von der Art. Stiller wirken das gegenüberliegende Kloster und die 
kuppelgekrönte Kirche der Kreuzherren. Die Gliederung der Fassade durch 
einfache Pfeiler auf rustiziertem Untergeschoss an dem Kloster zu St. Gallus 
(Rittergasse) und am ehemaligen Paulanerkloster, der sog. alten Münze 
(Altstädter Ring), kehrt bei Bürgerhäusern wieder (z. B. am Graben Nr. 33). 
Von den Palästen aus dem Ende des Jahrhunderts seien nur die architek- 
tonisch bedeutsamsten genannt, das Palais Czernin und das Palais Kolowrat. 
Die Wucht des ersteren beruht nicht nur auf seinen ans Ungeheuerliche 
gehenden Dimensionen; auf den Diamantquadern seines Erdgeschosses 
stehen kolossale korinthische Säulen eng nebeneinander und tragen mit 
befratztem Kapital das wuchtige Gebälk. Den vornehmsten Gegensatz bilden 
die anmutigen eleganten Proportionen des Palais Kolowrat am Obstmarkt; 
seine feinen Ornamente (Fruchtgehänge, Bandschleifen, Putten u. s. w.) kehren 
an den meisten gleichzeitigen Bauten wieder (z. B. Vorbau der Salvatorkirche). 

Im XVIII. Jahrhundert füllen geniale deutsche Architekten die 
Stadt mit Kirchen, Palästen und Bürgerhäusern. Es ist unmöglich, hier 
eine Übersicht über die ungezählten prächtigen barocken Bauten zu geben. 
Nirgends lässt sich die Entwicklung des barocken Bürgerhauses und seines 
Ornaments so leicht verfolgen wie in Prag, vom einfachen Typ des frühen 

50 



zum reichgeschmückten des späten Stils und seinem Abstieg zum Biedermeier- 
haus. Undurchbrochen stehen ihre Reihen in den stillen Gassen der Klein- 
seite. Der zu eng gezogene Raum nötigt, für die erste Hälfte des Jahr- 
hunderts nur die bedeutendsten Stücke der Palast- und Kirchenarchitektur 
hervorzuheben. Zu den glänzendsten Bauten vom Anfang des Jahrhunderts 
übh. gehört das Palais Clam-Gallas in der Husgasse 20, in dem heute 
einige Institute der deutschen Universität und der Technik untergebracht 
sind. Fischer von Erlach gliederte die lange Front durch drei Risa- 
lite und zwei prachtvolle Tore in den Flügeln ; ihre Atlanten haben präch- 
tige Genossen in den Mohren des Palais Morzin (Spornerg.) und den Adlern des 
Palais Thun-Hohenstein (ebd.). ChristophDientzenhofer und sein Sohn 
Kilian Ignaz bauten die Niklaskirche auf der Kleinseite; ihre kurven- 
reiche Front weist auf die geschwungenen Facaden Borrominis in Rom; in 
wundersamem Kontrast stehen die mächtige, hohe Kuppel und der schlanke 
rokokomässige Turm. An S. Niklas erinnert die Gallikirche in der Galli- 
gasse. Eine liebenswürdigere Schöpfung ist die Josefskirche auf der Klein- 
seite, das erste selbständige Werk des jüngeren Dientzenhofers. Ruhiger 
erscheint seine Ursulinerinnenkirche am Hradschin durch ihre glatten Pfeiler 
und geringeren Kontraste. Über die Kirchen St. Johann am Felsen und 
St. Karl-Borromäus geht sein Schaffen zu St. Nikolaus in der Altstadt; sie ist wie 
die vorhergehenden ein Zentral- 
bau; auf konvexen Pfeilern ruht 
das mächtige Kuppelgewölbe; die 
Facade mit dem reichen Wechsel 
von Säulen und Pfeilern, Rund- 
und Bogenfenstern, dem breiten 
Kuppeltambour und den Flanken- 
türmen war für eine andere 
Umgebung als heute dort steht 
berechnet. Eine interessante Mo- 
dernisierung gab K. J.Dientzenhofer 
der ehem. gotischen Kirche zu 
St. Thomas auf der Kleinseite. 
Am reichsten erscheint seine Phan- 
tasie in den Profanwerken, 
der liebreizenden Villa Amerika in 
der Karlshof ergasse, dem Palais 
Kinsky am Altst. Ring und dem Pa- 
lais Piccolomini am Graben. Villa 
Amerika noch mit der köstlichen 
Ornamentik des späten Louis XIV. ; 
am Palais Kinsky ausgebildete 
Rokokodekorationen; in Gliede- 
rung und Ornament am vornehm- 
sten das Palais Sylva-Taroucca, 
vielleicht das schönste Werk des 
beginnenden Rokoko in Oster- 
reich; seine jonischen Pfeiler im 
Hauptgeschoss tragen das fries- 
artige zweite, VOr das rUStizierte Altstädter Brückenturm von Peter Parier. 




4* 



51 




Lustschloss Behedere von Paolo della Stella. 

Erdgeschoss treten vier toskanische Säulenpaare als Balkonträger und 
Torflanken; in spielendem Gegensatz stehen die Dachgiebel zu den 
Fensterbekrönungen ; das Innere zeigt uns das schönste Stiegenhaus Prags. 
Eine annähernd vornehme Schöpfung, das Palais Kaunitz in der Brücken- 
gasse, führt zum Stile Louis XVI. ; in den rokokomässigen Bau sind bereits 
Zöpfe und Medaillons, Ornamente des Zopfstils, gedrungen. Nüchterner 
ist das erzbischöfl. Palais am Hradschin aus den 60er Jahren des Jahr- 
hunderts; klassizistischer der gleichzeitige Burgbau, der sich mit der Wieder- 
holung eines Motivs über die ganze lange Front hin begnügt; ebenso die 
Facade des j. Bezirksgerichtes für die Altstadt gegen die Zeltnergssse und den 
Obstmarkt. Vornehmer sind die Palais im Stil Louis XVI. — Haus Nr. 3 
und Nr. 5 in der Hibernergasse — die letzten bedeutenden Bauten des 
Adels in Prag! Völlig ausgebildet ist der Stil am Palliardihaus (Klein- 
seitener Ring) und am deutschen Landestheater; die Motive vom deutschen 
Kasino kehren in etlichen Häusern der Stadt wieder, so Haus Nr. 16 am 
Wenzelsplatz. 

Das Empire hat uns jene kolossale Kopie nach der alten Münze 
in Berlin, den dermaligen Sitz der Finanzlandesdirektion, die Piaristenkirche, 
viele schöne Bürgerhäuser, das jetzige ethnograph. Museum im Kinsky- 
garten und Bauten von der Art wie Platteis hinterlassen. 

Durch das Zurückgehen auf die Antike hat der Neuklassizismus (Em- 
pire) den -historischen Stil« ins XIX. Jahrhundert geführt, der 



52 




Palais Piccolotr.ini von Kilian Ignatz Dientzenhofer 

diese Periode zur ödesten und ärmsten in der ganzen Architekturgeschichte 
gedrückt hat. Die Romantik beschenkte uns mit der »Gotik« des Rathaus- 
neubaues, des Statthalterschlosses im Baumgarten u. a. m. Gedankenarmut 
und Gefühlsmangel nahmen der Renaissance und dem Barock Formen, 
unberührt von ihrem Geiste, und schufen diese trostlosen Vorstadtbauten 
oder schändeten alte Stadtteile, wo ihnen bedeutende Kunstschöpfungen 
verganger Zeiten weichen mussten. 

Aber im neuen Jahrhundert hat die Erlösung auch hier begonnen. 
Die Bauten von J. Zasche werden die neuen Aufgaben der Prager Archi- 
tektur in eine neue Bahn bringen. In den vornehmen Proportionen der 
Geschosse und ihrer Öffnungen, in der edlen Gestaltung der kraftvollen 
Krönung und in der schlichten und doch bedeutsamen Zierung liegt die 
wunderbare Wirkung seiner Werke. In den letzthin vollendeten Palästen 
des Wiener Bank-Vereins und der Eisenindustrie-Gesellschaft sowie in den 
bald erstehenden Neubauten des deutschen Hauses und unserer Univer- 
sität hat Zasche Monumentalbauwerke geschaffen, die der deutschen Kunst 
in Prag und in der Geschichte der Architektur die Bedeutung auch im 
XX. Jahrhundert sichern, die sie in den vergangenen gehabt hat. 



53 



Der Prager Sport. 

Prag hat die meisten Sportarten früher aufgenommen als ungleich 
grössere Städten, z. B. Wien und Berlin. Das erste grosse Lawn-Tennis 
Turnier wurde in Prag abgehalten, der erste Fussball in Österreich in 
Prag gespielt: das gleiche gilt von Radpolo und Eishockey. Dadurch 
hat Prag stets einen gewissen Vorsprung in den verschiedenen Sport- 
zweigen gehabt. Prag hat die günstigsten, bequemsten und wenigst Geld 
erfordernden Bedingungen für den Betrieb aller Sportzweige. Es gibt 
keine Stadt von dieser Einwohnerzahl und Grösse, in der man vom 
Mittelpunkte in zehn Minuten zu den Fussballplätzen, Tennisplätzen, zum 
Ruder- und Segelwasser gelangt. Dies ist ein Hauptgrund dafür, dass fast 
jeder Prager einen Sport betreibt, woran sich die gesellschaftlich höchst- 
stehenden Klassen ebenso beteiligen wie der bürgerliche Mittelstand. Jeder 
findet den seinen Wünschen entsprechenden sportlichen Gesellschaftskreis; 
der Sportbetrieb ist in Prag mit ungleich geringerem Aufwände an Zeit 
und Geld verknüpft als in anderen grossen und in vielen kleineren 
Städten Österreichs und Deutschlands. 

Was die einzelnen Sportzweige betrifft, so ist Fussball in Prag 
sehr stark verbreitet. Jeden Sonntag und auch oft in der Woche werden 
internationale und örtliche Wettspiele sowie Übungsspiele abgehalten. Der 
„Deutsche Fussball-Klub (D. F. C.) ist weit über die Grenzen Österreichs 
hinaus als eine der besten kontinentalen Mannschaften bekannt, die Jahr 
aus Jahr ein Wettspiele mit reichsdeutschen, englischen, holländischen, 
skandinavischen Mannschaften abhält. Unter sachverständiger Leitung werden 
die Spieler herangebildet; jeder Fussballbeflissene kommt in die Lage, 
in eine seinen Fähigkeiten entsprechende Mannschaft eingereiht zu werden. 
Der D. F. C. unternimmt auch jährlich mehrere Reisen, sodass seine Mit- 
glieder abgesehen vom Sport Gelegenheit haben, ihren Gesichtskreis durch 
diese Reisen zu erweitern. Weiters wird Fussball betrieben von den Ver- 
einen: Deutsche Sport Brüder; D. B. C. Sturm; Deutsche Spielvereinigung; 
Deutscher Sport-Klub Prag-VII. 

Im Lawn-Tennis beherrschten die Prager Spieler und Spielerinnen 
jahrelang die Turnierplätze in Deutschland, Österreich, Ungarn und hatten 
auch schöne Erfolge in England, an der Riviera und in Frankreich. Es 
wird wenig Städte Deutschlands geben, von deren Turnieren die Prager 
Spieler nicht Siege heimgetragen haben, wie auch die Prager Spieler 
in dem siegreichen Länderwettkampf Österreich-Deutschland den grössten 
Teil der Mannschaft stellten. Die gesellschaftlich sehr angesehenen Ver- 
einigungen „Lawn-Tennis Klub, Prag" (Zeughausgarten), „Lawn-Tennis 
Cercle" (Primatoreninsel), „Bubentscher Lawn-Tennis Gesellschaft" etc. er- 
möglichen auf modern angelegten Plätzen einen streng sportlichen Betrieb, 
und das Spielen mit den guten Prager Spielern ermöglicht es den Ehr- 
geizigen, auf Turnieren erfolgreich mitzutun. 

Das Fechten wird in Prag teils studentisch, teils sportlich geübt. 
Die studentische Waffe ist der Korbschläger und der 1 leichte, schwach 
gekrümmte österreichische Säbel ohne Handdeckung. Diese Waffen bevor- 
zugen die studentischen Korporationen, bei denen mangels eines Universi- 
täts-Fechtmeisters das Fechten durch die Fechtwarte gelehrt wird. Sport- 
liches Fechten wird auf italienische Art von verschiedenen italienischen 

54 




Palais der Prager Eisenindustriegesellschaft von Zasche. 

Meistern gelehrt. Als fechterische Korporationen führen wir den „Herren- 
Fechtklub Prag" an, dem viele Offiziere angehören, und den „Deutschen 
Prager Fechtklub"; beide betreiben italienisches Stoss- und Säbelfechten. 
Im Wassersport steht Prag unseres Wissens einzig da. Die 
Moldau ist in Prag und oberhalb Prag, wo der Rudersport am meisten 
betrieben wird, sehr breit, hat eine geringe Strömung und einen geringen 
Dampf schiff verkehr, ist also ein Ruderwasser, wie man es selten findet. 
Das Bootshaus der „Regatta", eines der ältesten Rudervereine in Österreich, 
ist mit der Strassenbahn in 10 Minuten zu erreichen. Der Ruderklub 
„Regatta", nach englischen Begriffen ein „Gentleman Amateur Club", pflegt 
das Wettrudern und das Tourenrudern eifrig; er besucht regelmässig die 
Regatten in Breslau und Dresden. Ein reiches Bootmaterial ermöglicht 
jedem, nach seinem Geschmack ein Boot zu wählen. Von Prag aus sind 



55 



lohnende Rudertouren auf dem Oberlauf der Moldau und auf ihren Neben- 
flüssen zu unternehmen. Viel bekannter aber und von englischen und 
reichsdeutschen Ruderern bevorzugt ist die Fahrt von Prag abwärts, durch 
Nordböhmen über Dresden und Magdeburg nach Berlin oder Hamburg. 
Die Lieblingstour der englischen Ruderer ist per Boot nach Linz zu fahren, 
dann das Boot per Bahn nach Budweis bringen zu lassen und von hier 
über Prag den oben erwähnten Weg zu nehmen. Ebenso wie für das 
Rudern eignet sich die Moldau wegen ihrer Breite und wegen der geringen 
Strömung für den Segelsport und für Motorbootsport; freilich 
nur in Booten bis zu mittlerer Grösse. 

Für das Schwimmen gibt es in Prag merkwürdiger Weise keinen 
eigenen Verein. Trotzdem wird aber sehr viel auf den einzelnen Schwimm- 
schulen innerhalb und oberhalb der Stadt geschwommen, wozu sich die 
Moldau, wie schon bemerkt, durch ihre geringe Strömung sehr eignet. 

Die Moldau und ihre Nebenflüsse sind sehr fischreich, und obwohl 
es einen deutschen Angelverein bis jetzt nicht gibt, ist es nicht schwer, 
eine Fischkarte zu erlangen und dem Angelsport zu huldigen. 

Jagd und Hundezucht. Böhmen ist die Wildkammer Österreichs, 
für Jagdfreunde gibt es Gelegenheit, in einer Jagdgesellschaft Anschluss 
oder durch Verbindungen Jagdeinladungen zu erlangen. Eine hervorragende 
Stellung nimmt der „St.-Hubertus deutsch-Kurzhaarverein" mit dem Sitze in 
Prag ein, der ungefähr 1100 Mitglieder zählt und die Zucht des deutschen 
Kurzhaarjagdhundes zu fördern bestrebt ist. Seine Mitglieder sind hervor- 
ragende Jäger. 

Die Freunde des Schiessportes vereinigt der deutsche Schützen- 
verein „Teil", dem viele Offiziere als Mitglieder angehören, und der im 
Sommer auf der Militärschiesstätte in Kobylis, im Winter Zimmerschiessen 
im „Deutschen Haus" betreibt. Es wird mit Militär- und Scheibengewehren, 
mit Pistolen und Revolvern geschossen und ebenso das Schiessen auf be- 



Palais Clarr.-Gallas 
von Fischer von Erlach. 




Skulpturen 
von Mathias Braun. 



56 



wegliche Wildscheiben und Tontauben gepflegt. Die Tellmitglieder erzielen 
auf den grossen Schützenfesten stets Erfolge. 

Das Eislaufen wird in Prag auf gegossenen Eisplätzen wie auch 
auf der freien Moldau betrieben. Bei halbwegs günstigen Eisverhältnissen 
sind sehr lohnende 6—7 km lange Touren möglich (z. B. von Prag nach 
Kuchelbad). Eine Besonderheit des Prager Eissports ist der eifrige Betrieb 
des Eishockeys. Zehn oder zwölf Mannschaften halten in der Saison 
wöchentlich mehrfache Wettspiele ab. Eishockey betreiben sportmässig die 
„Deutsche Eishockey Gesellschaft, Prag", deren erste Mannschaft sich eines 
guten Rufes erfreut und wiederholt erbitterte Kämpfe mit der vielleicht besten 
kontinentalen Mannschaft, dem „Leipziger Sportklub", ausgefochten hat. Diese 
Prager Eishockeygesellschaft erzielte auch öfter in Wien, Budapest, Innsbruck 
usw. Erfolge. Ferner betreiben Eishockey der „Deutsche Fussball Klub", 
der „Deutsche Sportklub Prag VIL", die „Podoler Eishockey Gesellschaft", 
während das Kunstlaufen und das Schneilaufen vom „Prager Eislaufvereiu" 
gepflegt wird. 

Für Ski laufen und Rodeln findet sich in unmittelbarer Nähe 
von Prag, 10 — 20 Minuten Eisenbahnfahrt, hübsche Gelegenheit. Anfänger 
können hier die Anfangsgründe dieser Sportszweige erlernen. Wer grössere 
Skitouren und längere Abfahrten mit der Rodel, mit Skeleton und Bobs- 
leight machen will, der muss eine 3 — 4stündige Eisenbahnfahrt in das Erz- 
gebirge oder Riesengebirge unternehmen. Im Erzgebirge ist der Keilberg 
und seine Umgebung mit Gottesgab, Joachimstal u. s. w. der Mittelpunkt, 
im Riesengebirge sind Spindelmühle und Hohenelbe die Hauptwintersport- 
plätze. In der nächsten Saison soll in Teplitz und Eichwald eine Bobs- 
leightbahn errichtet werden, sodass dieser moderne Sport auch dort seine 
Stätte finden wird. 

Leicht-Athletik wird von allen Prager Fussballklubs teils als 
Selbstzweck teils als Mittel, die Spieler in Form zu erhalten, stark gepflegt. 
Dabei kommen alle Zweige der Leicht-Athletik in Betracht, und verschie- 




Grabmal von Josef Zasche. 



57 



dene Veranstaltungen geben denen, die diesen Sport betreiben, Gelegenheit, 
ihren Ehrgeiz zu befriedigen. Eine unübertroffene sportliche Grösse Prags 
ist Em er ich Rath, der Sieger in den militärischen Gepäckmärschen in 
Deutschland, die er bis jetzt 6mal überlegen gewonnen hat. Rath ist ein 
hervorragender Geher; wer sich für diesen Sportzweig interessiert, hat in 
Prag Gelegenheit, mit einem bedeutenden Vertreter des Gehsportes zu 
trainieren. 

Den Pferdesport ermöglichen die verschiedenen Prager Reit- 
schulen; sie geben Gelegenheit zum Reiten in der Schule wie auch im 
Terrain. Pferderennen mit sehr vielen, nur Herrenreitern zugänglichen 
Ereignissen werden im Frühjahr und im Herbst abgehalten. 

Das Radfahren wird in Prag eifrig betrieben; hervorragende Ver- 
eine sind D. R. C. »Schwalben*, D. R. C 1900, D. R. C. Prag-VII., die 
regelmässig jede Woche grössere Touren unternehmen und zeitweilig auch 
Strassenrennen abhalten. Der »Deutsche Radfahrerbund« ist in Böhmen 
durch zwei Gaue vertreten, Gau 32 Deutschböhmen, wozu Prag gehört, 
und Gau 21 b, dem sich Aussig und Teplitz angeschlossen haben. Die 
Prager Vereine pflegen auch das Saalfahren, wobei sie, ebenso wie beim 
Radpolospielen, hübsche Erfolge bei den Wettbewerben des deutschen Rad- 
fahrerbundes in Wien u. s. w. aufzuweisen haben. 

Der »Automobilklub für Mittelböhmen« (Prag), ist die Vereini- 
gung der zahlreichen Prager Automobilisten, die freundschaftliche Bezie- 
hungen zu den anderen Automobilklubs in Böhmen pflegen und sich ge- 
sellschaftliche wie sportliche Veranstaltungen angelegen sein lassen. Ferner 
besteht eine »Deutsche Motorradfahrer- Vereinigung«, die die Interessen 
dieses Sportzweiges wahrnimmt. 

Der »Flugtechnische Verein für Böhmen« vereinigt die Anhänger der 
Luftschiffahrt. 

Der Verein Deutscher Amateur-Photographen nimmt eine 
hervorragende Rolle ein, hat ein schönes eigenes Atelier, wöchentliche Vor- 
träge und Diskussionsabende und fördert die Ausbildung seiner Mitglieder, 
deren Arbeiten von den photographischen Ausstellungen stets preisgekrönt 
heimkehren. 

Schachfreunde finden starke Spieler im »Prager Schach-Klub«, 
der interne Turniere und Korrespondenzpartien veranstaltet und auch 
gelegentlich hervorragende Meister zu Produktionen einladet. 



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Prags Umgebung. 

Die Umgebung von Prag bietet nach allen Seiten hin zahlreiche 
Punkte, welche es verdienen, als Ziele für Ausflüge ins Auge gefasst zu 
werden. Es sollen hier zunächst nur Ausflüge aufgeführt werden, die 
mit dem Zeitaufwand eines ganzen oder halben Tages unternommen 
werden können. Die Möglichkeit, hierbei nach allen Teilen hin Bahn- 
strecken benützen zu können, gestattet auch einige ferner gelegene, in der 
gegebenen Zeit sonst nicht ausführbare, aufnehmen zu können. Eine gute, 
ausreichende Karte, am zweckdienlichsten wohl die Generalstabskarte im 
Masstab 1 : 75000, ist hiebei besonders zu empfehlen. Der Umstand, dass 
die Bevölkerung der Gegend um Prag durchwegs tschechisch ist, 
braucht nicht als Hindernis aufgefasst zu werden; in den besseren 
und besuchteren Gasthäusern versteht man genügend deutsch, und übrigens 
dürften einige Redewendungen und Worte, die gerade erforderlich wären, 
leicht zu erlernen sein. 

Im Norden von Prag, jenseits der Moldau erhebt sich nahe dem 
Südrande der weithin gedehnten Landfläche einer der höchsten Punkte der 
Umgebung, der 356 m hohe Ladwi(DablitzerBerg) als Einzelberg rings- 
um eine weite Fernsicht bietend. Nach Norden gewendet, übersieht man 
die weite Fläche bis an das böhmische Mittelgebirge mit dem Donnersberg 
und vielen anderen Kegelkuppen, die Geltsch-Rohn-Wilkoschlberge, den 
Bösigen und weiter im Bogen zum Iser- und Riesengebirge bis zur Kessel- 
koppe, ja an besonders hellen Tagen selbst bis zur Schneekoppe. Von dem 
nach Süden gerichteten Abfalle des Berges blickt man über die Umgebung 
von Prag bis an die Höhen von Schwarz- Kosteletz, über den Einschnitt 
des Moldautales und die daraus aufsteigende hunderttürmige Hauptstadt 
des Landes. 

Das Moldautal im Norden von Prag ist eng und mit felsigen 
Wänden in die von Eruptivgesteinen durchsetzten Schiefer eingeschnitten. 
Von dem vielbesuchten Villenort Rostok an der Staatsbahn führt das vom 
Aunjetizer Bache durchflossene „stille Tal" durch freundlichen Wald. 
Rechts am Maierhof hinan gelangt man auf einem Fussweg nach dem Dorfe 
Zalow, in dessen Nähe die weithin sichtbare St. Clemenskirche, eines 
der ältesten Bauwerke des Landes steht. 

Ein vielbesuchtes Tal nordwestlich von Prag ist die S c h a r k a. Ihren 
Ausstrich, die „wilde Scharka", erreicht man leicht. Durch wild zerrissene 
steile Felswände folgt man dem Bache abwärts in das allmählich freund- 
licher werdende Tal der bei der Generalka beginnenden „milden oder zahmen 
Scharka". Ein Fussweg führt von der Generalka über den in deutschen 
Studentenkreisen wohlbekannten „Schipkapass" nach dem Dorfe Dejwitz. 

Im Westen von Prag liegt der vielbesuchte, an anmutigen Wald- 
strecken reiche kaiserliche Tiergarten „Stern", sogenannt nach dem 
darin von Erzh. Ferdinand von Tirol 1555 in Sternform erbauten Jagdschlosse. 
Unmittelbar daran stösst südlich die Fläche des „weissen Bergs" 
zwischen Rusin und Motol, auf welchem am 8. November 1620 die viel 
genannte Schlacht geschlagen wurde. Stromaufwärts auf der linken Seite 
der Moldau tut sich unter dem Abhänge des Rückens, auf dem die aus 
der tschechischen Sage bekannte Mägdeburg gelegen haben soll — altes 

59 



Mauerwerk zeigt noch ihre Stelle — das Tal von Hlub^otschep, weiter 
einwärts Prokopital genannt, auf. 

Weiter das Moldautal aufwärts führt die Strasse entlang dem be- 
rühmten geologischen Profil, das in der Talwand aufgeschlossen ist, nach 
Kuchelbad, einem vielbesuchten Ausflugsort. Auch der Nichtgeologe 
wird die wunderlich ineinander gestauchten Kalksteinschichten an der Fels- 
wand, welche den Namen des verdienstvollen Erforschers des inner- 
böhmischen Paläozoikums „Barrande" trägt, bewundern. Von der einsam 
auf einer Felsgruppe gelegenen weithin sichtbaren Kirche oberhalb Kuchel- 
bad geniesst man einen prächtigen Fernblick über das Moldautal und die 
im Süden herantretenden bewaldeten Höhen. 

Die breite Talmündung, aus welcher die Beraun in die Moldau 
fliesst, verengert sich bald. Man gelangt nach Karist ein, das plötzlich 
überraschend und stolz auf einer Felsenkuppe auf der linken Seite des 
Flusses hervortritt. Trotz schwerer Zeitschicksale, die seit der Erbauung 
der Burg durch Karl IV., der sie zum Aufbewahrungsorte der böhmischen 
Reichskleinodien bestimmt hatte, darüber hinweggegangen sind, birgt die 
nun wieder hergestellte Veste noch viele kostbare Denkmale mittelalter- 
licher Kunst. Bereits im Bereiche des böhmischen Waldgebirges gelegen, 
bietet die Umgebung prächtige Waldwege. Ein gut gemarkter Weg führt 
an dem Dorfe Bubowitz vorüber durch schöne Waldstrecken in das von 
malerischen Kalkfelsen umrahmte Tal von St. Jvan (St. Johann unter 
dem Felsen), einem der herrlichsten Talgründe in Prags Umgebung. Das Tal 
abwärts gelangt man über das Dorf Hostin ins Berauntal. Von St. Jvan 
führt ein herrlicher Waldweg in etwa 2 Stunden hinüber in das alte 
Städtchen Beraun. Von hier aus ermöglicht sich ein Ausflug nach dem 
alten, erinnerungsreichen Schlosse Pürglitz, von wo aus man leicht die 
berühmten Pürglitzer Wälder erreicht. Auf der rechten Seite der 
Beraun bieten sich Gelegenheiten zu schönen Waldwanderungen. Von 
Rschewnitz gelangt man das Talgehänge aufwärts nach dem schön ge- 
legenen Försterhause auf der Skalka und kann auf einem anderen Wege 
nach Dobrichowitz wandern. Von diesem Orte führt ein gleichfalls herr- 
licher Waldweg nach Jilo wischt, und von da über das Gehänge des 
Moldautales hinab nach Königsaal, wenn man nicht vorzieht, auf aller- 
dings steilem Wege schon früher in dieses herabzusteigen. 

Die Moldau aufwärts verkehren Dampfboote von Prag bis Stjechowitz. 
Oberhalb Kuchelbad berühren sie das freundliche Städtchen K ö n i g s a a 1 
mit schönem Schloss und Park, einst ein berühmtes Zisterzienserstift. Von 
der St. Gallikirche über der Stadt geniesst man eine prächtige Aussicht in 
das Moldau- und Berauntal. Eine Brücke führt über die Moldau nach dem 
beliebten Villenort Z a v i s t (Zaluschanka) am Eingange eines prächtigen 
Waldtales unter dem Berge Hradischt, von dessen Gipfel sich eine weite 
Fernsicht über das Waldgebiet an der Moldau und Beraun bietet. 

Von Königsaal aufwärts verengt sich das von steilen Felsenwänden 
eingefasste Moldautal. Bei Da wie tritt die Sazawa aus einem freundlichen 
Seitentale in die Moldau. Von Stjechowitz gelangt man in dreiviertel- 
stündiger Wanderung zu den vielbesuchten Stromschnellen bei St. 
Johann. 

60 



Noch sei des vielbesuchten Ausflugsortes, der Kundratitzer Mühle, 
gedacht, die idyllisch in einem Waldtal gelegen von Unterkrtsch auf präch- 
tigen Wegen in einstündiger Wanderung zu erreichen ist. 

Nicht minder lohnend sind die Ausflüge nach Deutsch- 
böhmen. Eine einstündige Eisenbahnfahrt von Prag nach Norden genügt, 
um ins deutsche Sprachgebiet zu gelangen. Der erste deutsche Ort, den 
man hier erreicht, ist L i b o c h. Weiters eignen sich für Tagesausflüge noch 
alle Orte an der Strecke Prag-Bodenbach, event. Karlsbad, das eine 
vorzügliche Eisenbahnverbindung mit Prag hat. Der Besuch des herrlichen 
Elbetals ist besonders im Frühjahr zu empfehlen, wenn seine Obstkulturen 
in voller Blüte stehen. Man fährt da etwa mit der Bahn bis Lobositz 
oder Leitmeritz und von hier durch „Böhmens Paradies" mit dem 
Dampfer stromabwärts an dem lieblichen Säle sei und dem Schrecken- 
stein vorbei, dessen pittoreskes Felsengebilde noch immer mit der Ruine 
seiner Raubritterburg so dasteht, wie es Ludwig Richter auf seinem be- 
rühmten Gemälde in der Dresdner Galerie verewigt hat, nach Aussig 
und von hier in die „Böhmische Schweiz". Von Aussig kann man auch 
mit der Bahn bequem nach Teplitz und in das böhmische Mittelgebirge 
gelangen. 

Für zwei- und mehrtägige Ausflüge ins deutsche 
Böhmen sind wohl zunächst die westböhmischen Kurorte zn nennen, 
neben Karlsbad, das einen mehrtägigen Aufenthalt entschieden lohnt, M a- 
rienbad und Franzensbad, dann aber auch eine Reihe kleinerer Kur- 
orte und Sommerfrischen, wie beispielsweise Giesshübl, Königswart 
usw. Eine Fülle der dankbarsten Partien bieten die böhmischen Rand- 
gebirge. Im Westen der Böhmerwald, dem Hochwald und Moor seinen 
besonderen Charakter geben. Seine höchste Erhöhung ist der Arber bei 
Eisenstein (1458 m). Den Kern des deutschen Gebietes in Westböhmen 
bildet das Egerland mit dem Hauptorte Eger. Für Sommerwanderungen 
wie geschaffen ist das Erzgebirge, das im Nordwesten Böhmens die 
Grenze gegen das Königreich Sachsen bildet. Seine wundervollen Täler 
und Wälder sind aber auch ein geradezu idealer Wintersportplatz, 
der sich mit den berühmtesten Gegenden dieser Art in der Schweiz getrost 
messen kann. Der höchste Gipfel des Erzgebirges ist der Keilberg 
(1244 m). Die allgemeine Aufmerksamkeit hat in der letzten Zeit der Erz- 
gebirgsort Joachimstal wegen seiner radioaktiven Heilwässer auf sich 




Burg Karlstein. 



61 



gelenkt. Im Norden Böhmens liegt in einem schönen Talkessel zwischen 
dem Iser- undjeschkengebirgean den Ufern der Oörlitzer Neisse 
Reichenberg, die Metropole des deutschen Böhmens. Die Perle aller 
deutschen Mittelgebirge ist das Riesengebirge, das Böhmen im Osten 
gegen Preussen abgrenzt. In seiner Schneekoppe (1605 m) besitzt es 
ein Lug-ins-Land sondergleichen. Im Riesengebirge liegt das Wildbad 
Johannisbad, der Luftkurort und Wintersportplatz Spindelmühle 
und an seinem Fuss, umgeben von einem bewaldeten Bergkranz, die schöne 
Stadt Trauten au. Eine grossartige Sehenswürdigkeit Deutschböhmens 
sind im ostböhmischen Faltengebirge die Adersbacher und Weckeis- 
dorfer Felsen. 




INHALTSVERZEICHNIS. 



PRAG ALS DEUTSCHE HOCHSCHULSTADT S. 3 bis S. 37 

Die deutsche Karl-Ferdinands-Universität » 5 

Theologische Fakultät » 6 

Rechts- und staatswissenschaftliche Fakultät » 7 

Medizinische Fakultät » 9 

Philosophische Fakultät »16 

Die deutsche technische Hochschule »26 

Büchereien »31 

Studienbedingungen . . • . » 32 

Das studentische Vereinswesen »33 

Stipendien, Freiwohnungen, Freitische »36 

Wohnung und Mittagbrot »37 

DAS DEUTSCHE LEBEN IN PRAG S. 38 bis S. 62 

Das deutsche Geistesleben »38 

Das musikalische Prag »45 

Prag als Kunststätte »48 

Der Prager Sport »54 

Die Umgebung Prags »59 

Auskunftsquellen Umschlag » 3 

Eisenbahnkarte mit Reisezeiten nach Prag Umschlag » 4 



D 



Auskünfte erteilen: 



Deutscher Volksrat, Ortsrat Prag, Graben 26. 

Kanzlei der deutschen Universität, Obstmarkt 7. 

Kanzlei der deutschen technischen Hochschule, Husgasse 5. 

»Germania«, Lese- u. Redeverein deutscher Hochschüler, Krakauerg. 16. 

Lese- und Redehalle deutscher Studenten in Prag, Krakauergasse 14. 

Verband katholischer Studentenvereine, Smetschkagasse 22. 



Prager deutsche Zeitungen und 
Zeitschriften : 

»BOHEMIA«, zweimal täglich. 
»PRAGER TAGBLATT«, zweimal täglich. 
»PRAGER ABENDBLATT«. 
»MONTAGSBLATT AUS BÖHMEN«. 
»DEUTSCHE ARBEIT«, Monatsschrift für das 
geistige Leben der Deutschen in Böhmen. 

Vorlesungsverzeichnisse 

sind kostenlos durch die beiden vorgenannten Kanzleien der deutschen 
Hochschulen zu beziehen. 



Stadtpläne von Prag: 

»FÜHRER von PRAG«. In verschiedener Ausführung und Preislage. 

Herausgegeben von Carl Bellmann. 
STADTPLAN mit zweisprachigem Strassenverzeichnis von Carl Bellmann. 



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LA Deutscher Volksrat für Böhmens 

689 Ortsrat Prag 

P8D48 Prag als deutsche Hoch- 

schulstadt 



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